Ein vom Leben geprüftes Paar macht Ferien vom Alltag

Josy und Ernst Auf der Maur aus Schwerzenbach ZH konnten im Sommer entspannende Ferientage im Waadtland verbringen, obwohl Ernst seit einem Hirnschlag stark pfle­gebedürftig ist. Ermöglicht wurde ihnen diese Auszeit von der Berner Stiftung «Claire & George», welche auch die Spitex am Ferienort organisierte. Im Interview erzählt Josy Auf der Maur von der harten Zeit nach dem Hirnschlag – und von den erholsamen und (fast immer) friedvollen Ferien in den Bergen.

Oft sassen Josy und Ernst Auf der Maur während dieser milden Sommertage in den Waadtländer Bergen vor ihrem Ferienhaus und beobachteten, wie die letzten Sonnenstrahlen die Bergkette Dents du Midi in ein warmes Licht tauchten. Und während das Rentnerpaar aus Schwerzenbach ZH die von der Berner Stiftung Claire & George (siehe Infokasten) organisierten Ferientage genoss, kehrten langsam die Kräfte zurück, welche ihnen der Alltag nach Ernsts Hirnschlag vor zwei Jahren geraubt hatte.

In den Nachhilfelehrer verliebt
Josy und Ernst Auf der Maur, heute 72 beziehungsweise 75 Jahre alt, sind als Nachbarn in Steinerberg SZ aufgewachsen. Sie absolvierten jeweils eine kaufmännische Ausbildung, und weil sich Josy eher in der Welt der Sprache als der Mathematik wohlfühlte, wurde der rechnerisch begabte Ernst in Jugendjahren ihr Nachhilfelehrer. «Damals hat es gefunkt», erzählt Josy Auf der Maur strahlend. Die beiden heirateten 1970 und zogen in den Kanton Zürich, weil ihr Gatte dort eine Stelle als Finanzchef gefunden hatte; und alsbald machten die Töchter Eveline und Claudia die Familie komplett. Als Josys Vater seine Tätigkeit als Bergbauer aufgeben musste, suchte das Paar ein Zuhause für einen Dreigenerationen-Haushalt – und erhielt den Zuschlag für ein schmuckes Einfamilienhaus nahe dem Bahnhof Schwerzenbach. «Die bisherige Besitzerin sagte mir, ich könne das Haus haben, weil ihre Katzen mich mochten», erinnert sich Josy Auf der Maur lachend.

Und so zogen die Jahre ins Land: Die Eltern verstarben, die Kinder zogen aus und Josy und Ernst wohnten fortan alleine in ihrem gemütlichen Zuhause, das sich allerdings regelmässig mit dem Gelächter der inzwischen sieben Enkelkinder füllte. Im Alter von rund 60 Jahren begann die weibliche Hälfte des Duos wieder ihrer Leidenschaft fürs Reisen zu frönen – oft allein, denn ihr Ehemann war seit jeher kein leidenschaftlicher Weltenbummler. Ja, der Alltag des Paares war von viel Glück geprägt – bis ihr Leben 2017 komplett umgekrempelt wurde.

Ein Hirnschlag in den USA
Damals weilte das Rentnerpaar zu Besuch bei der älteren Tochter und deren Familie, die in der Nähe der Millionenstadt Atlanta im Südosten der USA lebten. An einem kühlen Herbstmorgen wollte das Paar dem Tennis-Match eines Enkels beiwohnen, aber Josy stellte mit Entsetzen fest, dass sie ihren Mann nicht aufzuwecken vermochte. Ernst lag regungslos im Bett, vermochte keine Gliedmassen mehr zu bewegen. Unverzüglich schlug seine Ehefrau Alarm und ihr Mann wurde in Windeseile ins Regionalspital gefahren und daraufhin per Hubschrauber weiter in eine Spezialklinik geflogen. Dort stellte man die Diagnose, dass der damals 73-Jährige in der Nacht einen Hirnschlag erlitten hatte. «Obwohl unsere Enkel zuhörten, sagten uns die Ärzte, dass Ernst innert drei Tagen sterben werde», erinnert sich Josy Auf der Maur schaudernd. «Zum Glück stellte sich diese Prophezeiung als falsch heraus, denn Ernst kämpfte um sein Leben.» In jenen Tagen sass die Familie – auch Tochter Claudia war aus der Schweiz angereist – ununterbrochen am Bett des Patienten, und dessen Zustand sta­bilisierte sich zunehmend. Er sollte jedoch nie wieder der Alte werden: Seine linke Hirnhälfte war stark in Mitlei­denschaft gezogen worden, weswegen seine rechte Körperhälfte seither gelähmt ist, eine Zeitlang benötigte er eine Magensonde, und sprechen kann er seit dem Hirnschlag nicht mehr.

Nach fünf Tagen in der Klinik im fernen Amerika flog die Rega Ernst Auf der Maur in die Schweiz, wo er 15 Wochen im Rehazentrum in Valens SG verbrachte. Die dortigen Ärzte stellten in Bezug auf eine Rückkehr in sein Zuhause eine düstere Diagnose. «In der Klinik sagte man mir, Ernst müsse in ein Pflegeheim», erinnert sich Josy Auf der Maur. «Das brachte mich zum Weinen. Ich habe widersprochen und gesagt, dass ich meinen Mann mit nach Hause nehmen werde.»

Die Rückkehr nach Hause
Und Josy Auf der Maur hielt Wort: Sie liess ihr Haus behindertengerecht umbauen und machte ihrem Mann damit die Heimkehr möglich. «Ohne die Spitex hätte ich das aber nicht geschafft», sagt sie. Erst half ihr die Spitex beinahe rund um die Uhr bei der Pflege und Betreuung ihres Mannes, doch dann ging es mit dessen Gesundheitszustand bergauf, und seine Frau wurde zunehmend zur Expertin, was seine Pflege betraf. Inzwischen schaut eine private Spitex jeden Morgen für zwei Stunden vorbei und hilft zum Beispiel beim Duschen, und jeden Abend ist eine Pflegefachperson der Spitex Schwerzenbach während einer halben Stunde dabei behilflich, den 75-Jährigen bettfertig zu machen. Ernst Auf der Maur besucht zudem an drei Tagen die Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie in einer Tagesklinik, und eine Ergotherapeutin besucht ihn regelmässig zu Hause. Dank all dieser Unterstützung kann er inzwischen zum Beispiel wieder seinen Namen schreiben. «Das war für viele Unterlagen wichtig», erklärt seine Frau. «Aber für noch wichtiger halte ich den Vor­sorgeauftrag, den wir abgeschlossen hatten. Dazu rate ich allen Menschen.»

Viele Stunden am Tag kümmert sich Josy Auf der Maur inzwischen rührend um die Betreuung und Pflege ihres Ehemanns und verabreicht ihm dabei auch die insgesamt acht Medikamente, die er unter anderem wegen seiner Herzrhythmusstörungen einnehmen muss. Auch fährt sie ihren Mann zu seinen zahlreichen Arztterminen, und wenn sie von diesen Ausflügen berichtet, strahlt die Zürcher Oberländerin übers ganze Gesicht. «In unserem Leben gibt es immer wieder Lichtblicke, und einer davon ist unser Behindertenbus, den mir ein Cousin vermittelt hat», sagt sie. Ein wahrer «Lottogewinn» sei dieser Bus, in dem Ernst Auf der Maur erhöht sitzen und die vorbeiziehenden Dörfer und Wiesen mustern kann. «Andere Menschen hören im Alter mit dem Autofahren auf. Ich habe stattdessen aufgerüstet und das Busfahren gelernt», sagt seine Ehefrau schmunzelnd.

Kraft tanken in den Bergen
Doch trotz ihres Lebensmutes und der tatkräftigen Unterstützung durch Familie und Freunde wurde Josy Auf der Maur eines Tages klar, dass ihr Alltag gewissermassen ein Hamsterrad war: Sie rannte und rannte und bemerkte dabei gar nicht, dass sie immer müder wurde. «Ich jammerte bei der Sanitas, dass ich und mein Mann dringend eine Auszeit brauchten», erzählt sie mit einem Augenzwinkern. «Meine Beraterin riet mir daraufhin, mich an Claire & George zu wenden.» Josy Auf der Maur informierte sich übers Internet über das Angebot der Berner Stiftung – und blieb begeistert beim behindertengerecht eingerichteten Chalet «Le Petit Chevrier» im kleinen Waadtländer Ort Villars-sur-Ollon hängen. Die 72-Jährige griff zum Telefon und meldete sich bei Claire & George mit dem Wunsch, dass sie in ebendiesem Chalet ein paar erholsame Tage verbringen wollte. Und die Verantwortlichen von Claire & George erfüllten diesen Wunsch gern.

Vom 22. Juni bis 6. Juli 2019 zogen die beiden Schwerzenbacher in die Waadtländer Berge, und auch Tochter Eveline reiste mit drei Kindern im «Gepäck» an; ihr Ehemann schaute für einige Tage vorbei. «Das Chalet war phänomenal», schwärmt Josy Auf der Maur. Die Schlafzimmer, der Wohnraum mit Kamin und die geräumige Küche – alles ist nicht nur heimelig eingerichtet, sondern auch rollstuhlgängig. Gehbehinderte können auch auf einen Lift zählen, der sie beispielsweise zum grossen Sitzplatz bringt. «Dort sassen wir oft einfach nur da und genossen die Aussicht und die Ruhe. Wir sind schliesslich nicht mehr die jüngsten Häschen», sagt sie. Die jüngeren Familienmit­glieder spielten derweil Tennis oder lernten die Wanderwege der Region kennen. Begleitet wurden die Enkel auf ihren Wanderungen des Öfteren von ihrer Oma, während ihre Mutter im Ferienhaus an Opas Seite blieb. Und manchmal unternahm auch die ganze Familie gemeinsam einen Ausflug und schob Ernst Auf der Maur im Rollstuhl vor sich her. «Das waren wirklich traumhafte Tage voller Frieden», sagt Josy Auf der Maur. Nur die beiden Buben seien nicht immer so friedliebend gewesen und hätten mitunter ihre Schwester geärgert, bis diese schrie wie am Spiess.

Krankenkasse bezahlte Spitex am Ferienort
Die Zuständigen von Claire & George kümmerten sich nicht nur um die Vermittlung des Chalets, sondern organisierten auch die Pflege und Betreuung durch die Waadtländer Spitex-Organisation AVASAD (Association Vaudoise d’Aide et de Soins à Domicile). «Dass die Spitex uns auch in Villars-sur-Ollon betreute, machte diese Ferien überhaupt erst möglich», sagt Josy Auf der Maur. Zum Glück habe sie in jungen Jahren ein Jahr in Frankreich verbracht und sich darum auf Französisch mit den Pflegefachpersonen unterhalten können. Die Miete des Chalets bezahlte die Familie aus der eigenen Tasche, für die Spitex kam jedoch ihre Krankenkasse auf. «Die Betreuung durch die Spitex vor Ort war sensationell», schwärmt die Schwerzenbacherin. «Mein Mann wurde ausschliesslich von kompetenten und liebenswürdigen Frauen und Männern gepflegt. Die Spitex-Mitarbeitenden haben sich um Ernst gekümmert, als ob sie dies schon lange täten.»

Die Spitex arbeitet gern mit Feriengästen
Die vorübergehende Pflege und Betreuung des Zürcher Feriengastes übernahm die Spitex des sozialmedizinischen Zentrums de la Gryonne in Aigle. «Die Stärke unseres SMZ ist, dass immer der Mensch im Mittelpunkt unseres Pflegehandelns steht», sagt Geschäftsführerin Céline Eninger. Der Spitex sei ein ganzheitlicher Gesundheits­ansatz wichtig – und dieser betrachte die soziale Teilhabe eines Menschen als grundlegendes Element in der För­derung und Aufrechterhaltung von dessen Autonomie. Entsprechend helfe man den Klientinnen und Klienten der Spitex gern dabei, Ferien mit Angehörigen zu verbringen. «Es ist eine bereichernde Aufgabe, die Fortsetzung der Pflege und Betreuung sicherzustellen», sagt Céline Eninger. «Und es freut uns auch, dass wir unseren Klienten einen Urlaub in unserer schönen Region ermöglichen können.»

Eine Herausforderung des Engagements für Feriengäste sei, deren Pflege und Betreuung in die bestehenden Arbeitspläne zu integrieren. «Eine zweite Herausforderung ist, dass wir den Klienten möglichst so pflegen, wie er es gewohnt ist – obwohl sich der Klient in einer ganz anderen Umgebung befindet.» Den Auftrag, Ernst Auf der Maur zu betreuen, habe das SMZ weit im Voraus erhalten, sodass sich die Zuständigen gut auf den Auftrag vorbereiten konnten. Eine Pflegefachperson habe die Familie zudem nach ihrer Ankunft getroffen, um sie kennenzulernen und zum Beispiel auch zu prüfen, welche Arbeitsbedingungen die SMZ-Mitarbeitenden vor Ort vorfinden. Die Arbeit im einsam gelegenen Chalet sei für die Spitex indes kein Problem gewesen. «Wir sind es gewohnt und wir sind dafür ausgerüstet, an entlegenen Orten in den Bergen zu arbeiten, auch im Winter», versichert Céline Eninger.

Bald wieder Ferien mit Claire & George
Die temporären AVASAD-Klienten kamen äusserst zufrieden von den Ferien im Waadtland nach Hause. «Die Auszeit von unserem Alltag war für Ernst und mich Erholung pur», sagt Josy Auf der Maur. «Und meiner Lunge, die meine körperliche Schwachstelle ist, hat die Höhenluft gutgetan.» Nach den Ferien habe sie die Pflege und Betreuung ihres Mannes mit neuem Elan angepackt. Von ihrem Ehemann spricht Josy stets voller Liebe – er mache gerade «seine Siesta», meint sie beispielsweise lächelnd, als Ernst während des Interviews in seinem Bett einnickt. «Wir hatten bis zum Hirnschlag ein erfülltes Privat- und Berufsleben», sagt die dann. «Und auch jetzt haben wir es gut. Ich habe im Laufe meines Lebens so viele schlimmere Schicksale gesehen als das unsere. Solange unser Leben so bleibt wie jetzt, bin ich zufrieden», fährt sie fort, umgeben von Fotos ihrer sieben Enkelkinder, während eine grosse Wanduhr leise tickt und die Kaffeemaschine blubbert. «Ich hoffe nur, dass wir unsere Kräfte bewahren können.» Damit diese Kräfte nicht zur Neige gehen, wolle sie bestimmt wieder einmal die Dienste von Claire & George in Anspruch nehmen. «Vielleicht probiere ich dann auch einmal ein Hotel aus», sagt die Frau, die es nicht gewohnt ist, die Füsse hochzulegen. Aber wenn sie in den Ferien nicht kochen und waschen müsse, ergänzt sie, dann könne sie vielleicht noch häufiger mit ihrem Mann im Freien sitzen und beobachten, wie die Sonne hinter den mächtigen Bergen untergeht.

Kathrin Morf

Die Stiftung Claire & George und neue Projekte
Die Stiftung Claire & George wurde 2013 gegründet und hat zum Ziel, dass jeder Mensch in der Schweiz Ferien machen kann, auch wenn er auf Pflege und Betreuung angewiesen ist. «Auch kranke, behinderte oder betagte Menschen brauchen doch Ferien vom Alltag», sagt Susanne Gäumann, Gründerin und Geschäftsleiterin der Stiftung mit Sitz in Bern. Darum vermittelt die Nonprofit-Organisation barrierefreie Ferien, und zwar für jedes Budget: Derzeit sind rund 80 Hotels in der ganzen Schweiz im Angebot, vom 3-Sterne-Familienbetrieb bis zum 5-Sterne-Luxushotel. Ferienwohnungen sind wenige verfügbar, ihre Zahl wird aber laufend gesteigert. Die Hotels bezahlen Claire and George eine Kommission; zudem finanziert sich die Stiftung über Spenden und Fördergelder. Die Feriengäste bezahlen darum nichts für den Vermittlungsservice. Zu diesem Service gehört auch, dass die Stiftung die Spitex vor Ort sowie allfällige weitere Unterstützungs- und Entlastungsangebote organisiert. Für die Spitex des Ferienortes bezahlen die Klientinnen und Klienten normalerweise gleich viel wie für diejenige zu Hause. Sollten Restkosten anfallen, kümmert sich Claire & George darum, dass diese erstattet werden. «Die Zusammenarbeit mit der Spitex ist super», freut sich Susanne Gäumann. Dazu trage auch bei, dass Marianne Pfister, Geschäftsführerin von Spitex Schweiz, Mitglied des Stiftungsrats von Claire & George ist.

Seit der Gründung der Stiftung hat sich viel getan. «Eine grosse Herausforderung ist die wachsende Komplexität der Betreuung und Pflege unserer Kundinnen und Kunden», erklärt Susanne Gäumann. «Immer mehr Menschen, die auf eine komplexe Pflege angewiesen sind, getrauen sich Ferien zu machen.» Die Organisation des Betreuungsangebots am Ferienort werde entsprechend immer aufwendiger. «Wir wollen die zunehmende Komplexität aber auch künftig meistern, ohne dass wir Kunden ablehnen oder von ihnen Gebühren verlangen müssen», stellt Susanne Gäumann klar. Seit ihrer Gründung hat die Stiftung auch ihr Angebot laufend erweitert: So organisiert sie inzwischen die barrierefreie Reise «Grand Tour of Switzerland». Und sie hat kürzlich das dreijährige Pilotprojekt «barrierefreie Destinationen» lanciert: Sieben Ferienorte wirken am Projekt mit, in dessen Rahmen unter anderem das gesamte Freizeitangebot der Destination hinsichtlich seiner Barrierefreiheit durchleuchtet wird, woraufhin Lücken geschlossen werden können.

www.claireundgeorge.ch