Gemeinsam durch gute und schlechte Zeiten

Walter Wenger und Christiane Droux Wenger sind seit mehr als 40 Jahren in einer Beziehung – und sitzen beide nach jeweils einem Unfall im Rollstuhl. Die Eltern einer inzwischen 23-jährigen Tochter haben immer versucht, die guten Zeiten im Leben gemeinsam zu geniessen. Die Spitex des Freiburger Gesundheitsnetzes Saane besucht die beiden jede Woche mehrmals und ermöglicht es ihnen damit, dass sie in ihrem Zuhause wohnen bleiben können. Das Spitex Magazin hat das berührende und kämpferische Duo getroffen.

Viele Menschen sind der Überzeugung, dass sich wahre Liebe erst in schwierigen Zeiten beweist. Walter Wenger und Christiane Droux Wenger, 67 und 63 Jahre alt, sind seit mehr als 40 Jahren ein Paar und unzertrennlich – und ihre gemeinsame Geschichte ist übersät mit Prüfungen, aber auch mit freudigen und sogar wundersamen Ereignissen. Trotz zweier dramatischer Unfälle hat das Duo nie aufgehört, füreinander zu kämpfen. Heute sitzen beide im Rollstuhl und leben in der Stadt Freiburg, wo sie das Haus der verstorbenen Eltern von Walter Wenger gekauft und renoviert haben. Das Paar wohnt in einem charmanten Zuhause, dessen Wände auf der ersten Etage mit Zeichnungen und bunten Aquarellen verziert sind, und ihre 23-jährige Tochter Rachel wohnt im Obergeschoss. Tag für Tag werden die beiden von der Spitex des Freiburger Gesundheitsnetzes Saane besucht. «Ohne die Spitex könnte ich nicht zu Hause bleiben», sagt Christiane Droux Wenger.

Ein erster Schicksalsschlag
Um zu verstehen, was die Stärke der Verbindung der beiden ausmacht, muss man auf den April 1976 zurückblicken – den Tag, an welchem das Leben von Walter Wenger und Christiane Droux Wenger zum ersten Mal aus der Bahn geworfen wurde: Seit einem Jahr waren sie ein Paar, als sie Ferien im Walliser Dorf Saint-Luc verbrachten. Im Alter von 24 beziehungsweise 20 Jahren war er als Hilfsarbeiter in einem Skigebiet tätig, während sie kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Drogistin stand. Eines Abends stiegen sie in das Auto eines jungen Mechanikers, den sie eben kennengelernt hatten, um eine kleine Ausfahrt zu machen. «Ich erinnere mich, dass ich ihm sagte, er fahre zu schnell», erzählt Christiane Droux Wenger. Als der neue Bekannte mit hoher Geschwindigkeit über eine Bergstrasse fuhr, verlor er in einer Kurve die Kontrolle über seinen Wagen, woraufhin dieser in ein Fass prallte. Von den Insassen des Unfallautos befand sich die junge Freiburgerin im kritischsten Zustand. Damals waren auf dem Rücksitz keine Sicherheitsgurte installiert, was die Schwere der Verletzungen der jungen Frau miterklärt. Während des Transports ins Spital spürte die 20-Jährige ein Kribbeln in den Armen, und im Spital wurde schnell die Diagnose gestellt: Sie hatte eine Verletzung der Wirbelsäule erlitten; betroffen waren die Halswirbel 5, 6 und 7. Da ihr Rückenmark in Mitleidenschaft gezogen worden sei, würde sie nie wieder laufen können, erklärten die Ärzte. «Das war ein harter Schlag», sagt Christiane Droux Wenger. «Aber Walter sagte mir, er bleibe bei mir, weil er mich liebte und weil ich immer noch die gleiche Frau sei.»

Nach einem achtmonatigen Aufenthalt im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Genf kehrte die Patientin zu ihren Eltern nach Delsberg zurück und lernte, mit dem Rollstuhl zu leben. Unterstützt wurde sie dabei von ihrer Familie und ihren Freunden, aber auch von einer Pflegefachperson der regionalen Spitex. «Von Anfang an war ich sehr gut versorgt», betont sie. Das neue Leben erwies sich jedoch als Herausforderung: Ankleiden, zur Toilette gehen, einkaufen oder Wäsche waschen – die Jurassierin brauchte Hilfe bei unzähligen alltäglichen Aufgaben. Durch ihre Tetraplegie hat sie kein Gefühl mehr im Unterkörper: ein Zustand, der eine spezifische und intime Pflege erforderlich macht. «Bei einer Behinderung wie meiner ist die Abhängigkeit von anderen am schwersten», räumt Christiane Droux Wenger ein. Dank der Rehabilitation gelang es ihr nach einer Weile zwar, wieder von Hand zu schreiben – sie bekundete jedoch Schwierigkeiten mit der Feinmotorik. «Am Ende habe ich es aber geschafft, die schriftliche Abschlussprüfung meiner Ausbildung zu bestehen und das Diplom als Drogistin zu erhalten, was sehr motivierend war», sagt sie lächelnd.

Ein kleines Wunder
Im August 1977 zog die Tetraplegikerin mit ihrem zukünftigen Mann in das Haus ihrer Schwiegereltern in der Stadt Freiburg, wo ein Treppenlift für sie installiert wurde. Eine Familienassistentin sowie Pflegefachpersonen der Spitex schauten fortan regelmässig vorbei, um Aufgaben im Haushalt zu erfüllen und die Pflege zu übernehmen, welche die junge Frau tagtäglich benötigte. Damals arbeitete Walter Wenger als Verkäufer in einem Sportfachgeschäft und kümmerte sich nebenbei um einen Teil der Pflege. Einige Jahre später entschied er sich, sein Arbeitspensum zu reduzieren, um sich noch häufiger um seine Lebenspartnerin kümmern zu können. Und dank des Kaufs eines umgebauten und an die Behinderung der jungen Frau angepassten Busses begann das Paar alsbald, regelmässig durch Europa, aber auch durch die Vereinigten Staaten oder Kanada zu reisen. Während dieser Zeit ermutigte Walter seine Reisebegleiterin Christiane, Parasailing in der Türkei oder etwa auch eine Kanufahrt in Frankreich zu wagen. «Sie war tapfer und vertraute mir völlig», erinnert er sich lachend. «Ich war tapfer, aber bei all diesen Aktivitäten stets ein bisschen leichtsinnig», korrigiert ihn seine Frau lachend.

Christiane Droux Wenger hat offensichtlich einen grossen Kampfgeist. Dass sie im Rollstuhl sitzt, hinderte sie zum Beispiel nicht daran, Mitglied der Schweizer Tischtennis-Nationalmannschaft zu werden. Diese Sportart ermöglichte ihr 15 Jahre lang die Teilnahme an vielen Turnieren im In- und Ausland; und sie gewann mehrere Medaillen, darunter die Goldmedaille der Team-Wertung an den Paralympischen Spielen 1988 in Seoul. «Ich bedaure nur, dass ich im Einzel keine Goldmedaille gewonnen habe», sagt die ehemalige Spitzensportlerin.

1994, im Alter von fast 40 Jahren, begann sie sich trotz Tetraplegie ein Kind zu wünschen – und wurde nach einer Fehlgeburt zwei Jahre später erneut schwanger. «Um das Glück auf meine Seite zu zwingen, verbrachte ich die letzten zwei Monate meiner Schwangerschaft im Spital», erzählt sie. Die werdende Mutter durfte das Krankenhaus nur an ihrem Hochzeitstag verlassen, der aufgrund der bevorstehenden Ankunft des Babys vorverschoben worden war. Nur 24 Stunden nach der Hochzeit, am 26. April 1996, begannen die Wehen, und das Kind – ein Mädchen, das den Namen Rachel erhielt – kam einen Monat zu früh zur Welt. «Sie war gesund, was das Wichtigste war», erinnert sich Walter Wenger gerührt. «Es war reines Glück, ein kleines Wunder», ergänzt seine Frau. Und so zogen zehn Jahre ins Land, in denen die Eltern mit der Freude erfüllt waren, Rachel aufwachsen zu sehen, mit ihr Spaziergänge oder Ausflüge zu unternehmen und als Trio in den Urlaub zu fahren.

Ein zweiter Schicksalsschlag
Auch Walter Wenger war lange Zeit ein erfahrener Sportler. «Vor 20 Jahren habe ich sogar den dritten Platz beim Ski-Bergsteig-Rennen Patrouille des Glaciers in der Kategorie Veteranen belegt», erzählt der Mann, der früher unter anderem auch als Skilehrer tätig war. Seit seinem 14. Lebensjahr liebt er die Berge und geniesst zum Beispiel das Klettern und Langlaufen. Eines Tages im September 2007 beschloss der ­Freiburger, am Gran Paradiso Gletscher in Italien Gleitschirm zu fliegen. «Es gab keinen Grund, warum dies schiefgehen sollte. Walti ist stets massvolle Risiken eingegangen», betont Christiane Droux Wenger.

Doch an jenem Tag traf ein zweiter Schicksalsschlag das Paar: Trotz milden Wetters stürzt der 55-jährige Walter Wenger ab: Kurz nach dem Start klappte sein Gleitschirm zusammen, er fiel tief und sein Kopf prallte mit voller Wucht auf den Gletscher. Seine Ausrüstung, bestehend aus Helm und Airbag, vermochte den Aufprall nicht genügend abzufedern. «Ich habe keine Erinnerung an die Ankunft der Rettungsdienste», sagt Walter Wenger. Er lag im Koma, als er mit dem Hubschrauber geborgen und ins Spital von Aosta geflogen wurde. Dort besserte sich sein Zustand, woraufhin er durch die REGA erst nach Bern und daraufhin nach Freiburg transferiert wurde. Aufgrund seiner Kopfverletzung fand seine Rehabilitation in Spezialkliniken statt, sechs Monate weilte er in Sion und acht Monate in Basel. Die Rehabilitation nach seiner halbseitigen Lähmung fand schliesslich in Neuenburg statt, wo täglich Physio- und Ergotherapie auf dem Programm standen. Christiane Droux Wenger war derweil als Familienoberhaupt allein zu Hause. «Ich hatte Schwierigkeiten, mich anzupassen», sagt sie. «Und unsere Tochter war erst elf Jahre alt. Ein Grossteil ihrer Jugend wurde durch die Situation geprägt.»

Ein tolles Spitex-Team
Walter Wenger kehrte erst im Dezember 2009 in sein Zuhause zurück; mehr als zwei Jahre nach seinem Unfall. Die Hemiplegie lähmt seit dem Unfall sein linkes Bein und seinen linken Arm. Der ehemalige Sportler ist jedoch in der Lage, aufzustehen und mit einem Stock eine kurze Strecke zu gehen. Auch dank seinem Elektro-Rollstuhl geniesst er zudem zwar ein gewisses Mass an Unabhängigkeit, aber seine körperliche Verfassung erfordert viel Pflege. «Da meine linke Hand gelähmt ist, kann ich zwar meine linke Körperseite pflegen, für die rechte Seite brauche ich aber Unterstützung. Und ich brauche eine helfende Hand, um mich anzuziehen», erklärt er. Aufgrund seiner Kopfverletzung hat sich auch sein Charakter leicht verändert. «Manchmal zeigt er sich frustriert darüber, dass er nicht alles alleine bewältigen kann. In solchen Fällen ist es besser, Humor zu zeigen – oder wegzugehen», sagt seine Frau. «Man muss ihm manchmal mehrmals erklären, was er tun muss, und dabei sehr geduldig sein. Es ist wichtig, dass wir dies seinen Betreuern erklären können.»

Das Paar wird von einem Team aus 20 Mitarbeitenden des Gesundheitsnetzes Saane betreut. «Es ist ein tolles Team, das immer ein offenes Ohr für uns hat», sagt Christiane Droux Wenger lächelnd. «Die Pflegefachpersonen sind charmant und sehr angenehm», bestätigt ihr Mann. Ein Spitex-Duo besucht das Paar 14-mal pro Woche – da ihre Betreuung sich stark unterscheidet, verfügen Mann und Frau jeweils über eigene Betreuungspersonen. «Einige Pflegekräfte hatten noch nie die Möglichkeit, mit Querschnittgelähmten zu arbeiten. Da ich seit mehr als 40 Jahren im Rollstuhl sitze, bin ich oft diejenige, die sie anleitet», sagt Christiane Droux Wenger. Es sei von grosser Wichtigkeit, dass sie sich stets sicher und selbstbewusst fühle: «Da ich eine empfindliche Haut habe, bin ich sehr wählerisch, vor allem was das Anziehen betrifft», erklärt sie. «Nimmt man sich fünf Minuten mehr Zeit, mich anzuziehen, kann mich das davor bewahren, fünf Wochen im Bett bleiben zu müssen.»

Ein beliebtes Paar
Marie Meier ist seit zehn Monaten als SRK-Pflegehelferin im Gesundheitsnetz Saane tätig und möchte stets die gesamte Situation verstehen, in der sich eine Klientin oder ein Klient befindet. Seit acht Monaten besucht die 50-Jährige ihre Klientin Christiane Droux Wenger mindestens dreimal pro Woche. «Frau Droux hilft uns immer, uns zu verbessern. Sie führt uns durch die Pflege und informiert uns, wie wir ihr am besten helfen können. Dieser Dialog hat dazu beigetragen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen», erklärt Marie Meier. Die Diskussionen zwischen den beiden Frauen beschränken sich indes nicht auf die zu erfüllenden Aufgaben, sondern decken auch eine Vielzahl anderer Themen ab – aktuelle Veranstaltungen, Gastronomie oder die siebte Kunst beispielsweise: Christiane Droux Wenger liebt Filme und Kinobesuche. «Es ist immer eine Freude, hierher zu kommen», betont die Pflegehelferin, die neben der schweizerischen auch die venezolanische Staatsbürgerschaft besitzt.

Sandra Gomes, 46, seit über einem Jahr als Fachfrau ­Gesundheit (FaGe) beim Gesundheitsnetz Saane angestellt, stimmt ihrer Kollegin zu; auch sie geniesst die Gesellschaft des Paares. «Herr Wenger hat immer einen kleinen Witz parat», sagt die portugiesische Pflegekraft und fügt an: «Ich habe lange im Spital gearbeitet, und was mir an der ­Arbeit bei der Spitex besser gefällt, ist die besondere Beziehung, die wir zu Menschen aufbauen können.»

Neben den Spitex-Mitarbeitenden empfängt Frau Droux täglich vor dem Schlafengehen eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter von Pro Infirmis. «Ich hatte 2008 eine Ellbogenoperation und brauche seither Hilfe bei Transfers», erklärt sie. Sie wird auch einmal pro Woche von einer selbstständigen Pflegefachperson und regelmässig vom ParaHelp-Service des Schweizer Paraplegiker-Zentrums besucht. Walter Wenger profitiert zudem von der wöchentlichen Präsenz eines Pro-Infirmis-Begleiters: Gemeinsam gehen sie spazieren und spielen Pétanque oder Brettspiele. Und schliesslich beschäftigt das Paar auch eine Putzfrau. «Das Schwierigste ist, alles delegieren zu müssen», sagt Christiane Droux Wenger.

Ein wertvolles Umfeld
Die beiden über 60-Jährigen sind heute weniger furchtlos als in jüngeren Jahren, auch wenn sie von Zeit zu Zeit durchaus auf Reisen gehen. Vor Kurzem haben sie jedoch einige Nervenkitzel wiederentdeckt und einen Sitz-Ski sowie den Offroad-Rollstuhl Cimgo getestet.

Im Interview mit dem Spitex Magazin betonen beide einen Punkt: Das Wichtigste im Leben sei, gut versorgt zu sein. Immerzu hatten sie viele Freunde und Verwandte an ihrer Seite, die stets bereit waren, ihnen zu helfen. Inzwischen können sie zudem auf die grosse Unterstützung ihrer Tochter Rachel zählen, die eine Lehre als kaufmännische Angestellte absolviert. Wenn die beiden Freiburger über ihre Tochter sprechen, erkennt man am Funkeln in ihren Augen, wie stolz sie auf ihr einziges Kind sind. Mit ihrer leisen Stimme sagt Christiane Droux Wenger am Ende des Interviews: «Von nun an hoffen wir vor allem, dass nicht noch weitere gesundheitliche Probleme auf uns zukommen und wir weiterhin zu Hause bleiben und die guten Zeiten geniessen können. Und Walter Wenger ergänzt: «Wir haben so viel erlebt, dass wir einfach nur froh sind, am Leben zu sein.»

Flora Guéry