Tierisch beliebte Spitex-Mitarbeiterinnen

Bei der Spitex arbeiten nicht nur Menschen: Manchmal werden Pflegefachpersonen auch von Hunden mit Spezialausbildung begleitet. Das Spitex Magazin hat zwei von ihnen besucht: Einerseits Woody aus Uri, die als Welpe an einer Raststätte ausgesetzt worden ist und nun mit den Klientinnen und Klienten auf Schatzsuche geht. Andererseits Gweny, die bei der Spitex Region Frauenfeld arbeitet und Menschen dazu bringt, das Haus zu verlassen – und die kürzlich fast an Rattengift gestorben wäre. 

Woody: Die Ausgesetzte
«Du kennst mich noch, nicht wahr?», fragt Rosmarie Walker-Traxel den zotteligen Vierbeiner, der aufgeregt in ihren Garten sprintet. Die sechsjährige Mischlingshündin heisst Woody und ist die erste von zwei tierischen Spitex-Mitarbeiterinnen, welche in dieser Ausgabe des Spitex Magazins porträtiert werden. Sie gehört der 52-jährigen Renate Baumann aus Flüelen, die als Pflegehelferin SRK bei der Spitex Uri arbeitet. Woody mag zwar klein sein – die Freude, welche sie verbreitet, ist umso riesiger. «Ich bin jedes Mal glücklich, wenn sie vorbeischaut», sagt Rosmarie Walker-Traxel. Die 84-Jährige sieht nicht mehr gut, darum hilft ihr die Spitex einmal pro Woche im Haushalt. Und natürlich hat Woody ihre Klientin sofort wiedererkannt. «Woody hat ein gutes Gedächtnis und sie liebt alle Menschen», sagt Besitzerin Renate Baumann. «Wenn ich mit ihr spazieren gehe, dann kennt sie mehr Leute als ich.»

Zueinander gefunden haben Spitex-Mitarbeiterin und Spitex-Hündin vor sechs Jahren, als Renate Baumann von Welpen erfuhr, die in einer Kartonschachtel in einer Raststätte ausgesetzt worden waren. Daraufhin beschloss sie, ins Tierheim zu fahren und sich die Findlinge einmal anzuschauen. «Woody war so süss, ich musste sie einfach mit nach Hause nehmen. Sie ist zudem eine sehr herzliche, lustige und intelligente Hündin», schwärmt sie. Nur das Alleinsein möge Woody gar nicht. «Das ist wohl auch damit zu erklären, dass sie früh von ihrer Mutter getrennt und lieblos ausgesetzt worden ist.»

Woody: Die Schatzsucherin
Ganz vernarrt ist Woody in den Hundesport «SchaSu» (Kurzform von «Schatzsuche»). Frauchen versteckt dabei verschiedene Gegenstände und der Vierbeiner findet diese mithilfe seines ausgeprägten Geruchssinnes wieder. «Mit ihrer Spürnase macht Woody sogar Sherlock Holmes Konkurrenz», versichert Renate Baumann. Vor zwei Jahren fragte die Spitex-Mitarbeiterin ihre Chefin, ob sie ihre Hündin zu Einsätzen mitnehmen dürfe, sobald diese die Ausbildung zur Therapiehündin bestanden habe. Bei der Spitex Uri hielt man dieses Unterfangen für eine gute Idee, und so drückten Hündin und Halterin gewissermassen gemeinsam die Schulbank beim Verein Therapiehunde Schweiz (VTHS).

Woody musste zum Beispiel einen Wesenstest bestehen und ruhig bleiben, auch wenn sie sich mit lärmenden Kindern oder Rollstuhlfahrern konfrontiert sah. Während die Hündin all diese Herausforderungen mit Bravour meisterte, büffelte Frauchen die Theorie der Hundetherapie, und nach abgeschlossener Prüfung durfte das Duo bei der Spitex loslegen. Mittlerweise haben ein halbes Dutzend Klientinnen und Klienten dem Besuch der Hündin zugestimmt und warten stets sehnsüchtig auf den beigen Wirbelwind. Fühlt sich die Hündin einmal nicht wohl oder hat schlichtweg keine Lust zu arbeiten, darf sie bei ihrem Tages-Frauchen bleiben statt ins Spitex-Auto zu steigen. Zumeist hat Woody aber durchaus Lust auf die Einsätze und darf dabei auch ihre Vorliebe für SchaSu ausleben: Die Klienten verstecken jeweils einen Gegenstand und freuen sich, wenn sich die Spürnase der Hündin wieder einmal als Erfolgs­garant herausstellt.

Woody: Der Lichtblick
«Eine Klientin war während des ersten Besuchs von Woody begeistert», beginnt Renate Baumann von ihren
Erfahrungen zu erzählen. «Beim zweiten Mal war Woody mit einer Bekannten wandern und ich ging alleine auf Spitex-Tour, ohne dies anzukündigen. Da hat mir die Frau weinend die Tür vor der Nase zugeschlagen, so enttäuscht war sie. Das mache ich nie wieder!». Die Hündin wirke sich auf unterschiedliche Weise positiv auf ihre Menschenfreunde aus. «Sie lässt sich von ihnen streicheln, spielt mit ihnen, akzeptiert sie bedingungslos. Woody ist eine willkommene Abwechslung in ihrem Alltag und öffnet ihnen das Herz», sagt die Pflegehelferin. Eine Klientin mit psychischen Problemen liege beispielsweise oftmals nur kraftlos auf dem Sofa. «Tauche ich aber mit Woody auf, dann strahlt die Frau wie ein Maikäfer und wird aktiv.» Eine ältere Dame versank in tiefe Trauer, als sich der Todestag ihres eigenen Hundes jährte. Sie griff zum Telefon und bat Renate Baumann, ausnahmsweise ausserplanmässig auf Besuch zu kommen. Die Spitex-Mitarbeiterin tat dies unverzüglich und unentgeltlich – und dank Woody vermochte die Klientin wieder zu strahlen.

Auch Verena Albert-Zgraggen möchte die Spitex-Hündin nicht mehr missen. «Ich liebe Hunde und hatte früher fünf eigene», erzählt sie, als sie an diesem Sommertag von der Spitex in ihrer Alterswohnung besucht wird. Die 58-Jährige leidet an der Nervenerkrankung Polyneuro­pathie und sitzt im Rollstuhl. Kein Arzt habe gedacht, dass sie so alt werden würde, erzählt Verena Albert-Zgraggen, aber sie sei nun einmal eine Kämpferin. «Und das Leben ist schön. «Besonders dann, wenn Woody mich besucht», ergänzt sie. Dank der Anwesenheit der Hündin fühle sie sich regelmässig, als befinde sie sich für eine Weile wieder in ihrem Haus – dort, wo stets viele Tiere und viel Glück zu Hause waren.

Gweny: Die Lebhafte
Seit Alice Müller* vor drei Jahren von einem Lastwagen überfahren worden war, litt sie unter Panikattacken – vor allem dann, wenn ein Lastwagen vorüberfuhr. Eines Tages blieb die Attacke aber aus, und das lag an der zweiten vierbeinigen Spitex-Mitarbeiterin, welche vom Spitex Magazin porträtiert wird: Gweny. «Sonst haben in solchen Momenten immer meine Beine versagt und ich hatte Schweissausbrüche», erzählt Alice Müller. «Mit Gweny ist das nicht passiert.»

Die zehnjährige Besuchshündin gehört der 56-jährigen Beate Meier aus Kreuzlingen TG, die im Psychiatrie-Team der Spitex Region Frauenfeld arbeitet und allenthalben «die mit dem Hund» genannt wird. Mit vollem Namen heisst die reinrassige Boardercollie-Hündin Gwendolyn, «aber so nenne ich sie nur, wenn sie etwas angestellt hat», erklärt Beate Meier lachend. Die Pflegefachfrau nahm bis vor zwei Jahren ihren Hund Aiko auf ihre Spitex-Touren mit, aber dann musste ihr loyaler Begleiter wegen eines Tumors eingeschläfert werden. Aikos deutsche Züchterin erzählte Beate Meier daraufhin, dass Aikos Schwester Gwendolyn nach einem neuen Zuhause suche, weil sie sich als Zuchthündin nicht mehr wohlfühle. Beate Meier gab der leb­haften Gweny, die einst Deutsche Landesmeisterin im Hundesport Agility war, ein neues Zuhause. «Gweny macht auch im Alter von zehn Jahren noch verrückte Sachen», erzählt die 56-Jährige. «Sie springt zum Beispiel plötzlich auf unseren Tisch. Mit ihren Klienten benimmt sie sich aber tadellos.»

Gweny: Die Türöffnerin
An der Seite ihrer neuen Halterin absolvierte Gweny die Ausbildung zum Besuchshund bei den Maltesern, einer deutschen Hilfsorganisation. Die Hündin musste beispielsweise ihren Grundgehorsam unter Beweis stellen und zeigen, dass sie sich nicht vor umfallenden Krücken fürchtete. Seither begleitet Gweny ihr Frauchen zu all denjenigen Klientinnen und Klienten, welche dies wünschen – und die selbst keine Gefahr für die Hündin darstellen, zum Beispiel durch aggressives Verhalten. «Manche Klienten wollen mit Gweny spazieren gehen, andere streicheln sie gern und wieder andere geniessen es einfach nur, wenn sie neben ihnen liegt», erzählt Beate Meier. «Dabei entspannen sich die Klienten, übernehmen Verantwortung, sind zufriedener und aktiver.»

Da war zum Beispiel jener junge Mann mit Schizophrenie, der sich weigerte, sein Haus zu verlassen. Beate Meier sagte zu ihm, die Situation sei etwas vertrackt, da sie ja den Hund mitgebracht habe, und ein Hund müsse nun einmal ins Freie. «Da meinte der Mann, das stimme natürlich – und zog seine Schuhe an», erzählt Beate Meier. Auch der Körperkontakt mit dem Hund sei wichtig, gerade älteren Leuten fehle dieser manchmal schmerzlich. Und schliesslich sei Gweny gewissermassen eine Türöffnerin für menschliche Begleiter: Ein älterer Mann liess zum Beispiel seinen Psychiater nur ins Haus, wenn dieser von der Hündin begleitet wurde. «Was Gweny alles bewirkt, ist faszinierend», sagt Beate Meier. Auf etlichen Einsätzen verrichte ihre Hündin gar die Hauptarbeit. «Ich bin dann gewissermassen bloss ihre Chauffeurin», sagt die Pflegefachfrau und ergänzt lachend, einen Lohn erhalte die tierische Spitex-Mitarbeiterin dennoch nicht. «Sie wird mit Leckerli bezahlt. Das reicht ihr.»

Gweny: Die Überlebende
Als ihr Hund Aiko starb, hatte Beate Meier sich intensiv damit befassen müssen, wie ihre Klientinnen und Klienten die Trauer um den Hund verarbeiten konnten. «Eine Frau konnte zum Beispiel erst loslassen, als ich ihr Aikos Urne mitbrachte», erzählt sie. Vor einigen Wochen hätte sich dieses traurige Ereignis beinahe wiederholt: Beate Meier und ihr Mann genossen ihre Wohnmobilferien auf dem griechischen Festland, als Gweny unvermittelt zusammenbrach. Ein dortiger Tierarzt stellte sofort die Diagnose, dass Gweny Rattengift gefressen haben musste. Die von Landwirten ausgestreute Substanz entfaltet ihre todbringende Wirkung erst nach vier Tagen. Der Veterinär verabreichte der Hündin Antibiotika und Vitamin K in hohen Dosen, wonach das Ehepaar schnellstmöglich die Heimfahrt nach Kreuzlingen antrat. «Die Rückfahrt war schlimm. Gweny hat mich nicht mehr erkannt, konnte nicht mehr gehen, wollte nicht mehr trinken.»

Ein Schweizer Tierarzt bestätigte die Diagnose und setzte Gwenys Behandlung fort, wonach sich ihre Blutwerte stetig verbesserten. Gweny wurde wieder die lebhafte Hündin, die sie zuvor gewesen war. Während des Interviews mit dem Spitex Magazin, das drei Wochen nach der Vergiftung stattfand, wälzte sie sich bereits wieder wohlig in der Wiese vor ihrem Haus. Zu jener Zeit fiel sie aber für drei Wochen als Besuchshund aus. «Die Klienten leiden mit Gweny mit, sind enttäuscht und weniger entspannt», erzählt Beate Meier damals. «Ein Mann hat sich sogar geweigert, ohne die Hündin das Haus zu verlassen und spazieren zu gehen.» 

Gweny: Die Beruhigende
Eine Woche nach dem Interview durfte Gweny ihre Arbeit als tierisch beliebte Spitex-Mitarbeiterin wieder aufnehmen. «Das freut mich riesig», sagt Alice Müller* dazu – und berichtet von jenem Unfall vor drei Jahren. «Ein Lastwagenfahrer hat mich damals auf dem Trottoir überfahren und 40 Meter mitgeschleift», erzählt sie. Ihre Tochter sei zufällig an der Unfallstelle vorübergefahren und sofort an die Seite ihrer Mutter geeilt, als sie deren Rollator zwischen den Nothelfern erblickt habe. «Ich selber erinnere mich an fast nichts mehr. Aber seither habe ich Schmerzen in Genick und Hüfte.» Im Allgemeinen sei sie aber glimpflich davongekommen und freue sich darüber, dass sie viel Zeit mit ihren Enkeln und Urenkeln verbringen kann – und dass sie trotz ihrer 85 Jahre «noch nicht zum alten Eisen» gehöre.

Die Seniorin freut sich darüber, dass Beate Meier sie einmal wöchentlich besucht und ihr mit dem Vorbereiten ihrer Medikamente hilft – ebenso wie mit Gesprächen und mit Gwenys Anwesenheit. «Die Hündin ist mir eine grosse Hilfe und sehr geduldig», sagt Alice Müller. Als sie Angst davor gehabt habe, wegen eines nahenden Lastwagens eine Panikattacke zu erleiden, habe Gweny sie mit grossen Hundeaugen angeschaut. «Ihr Blick sagte mir: Da musst du jetzt durch! Und mit Gweny an meiner Seite habe ich das ohne Panikattacke geschafft.»

Kathrin Morf