Die Zukunft der Pflegeausbildung ist voller Herausforderungen

Auf das nationale Ausbildungssystem für Gesundheitsfachpersonal kommen viele knifflige Aufgaben zu: Die Pflege verlagert sich ins Zuhause der Klienten, es braucht immer mehr Pflegefachpersonal und die Technologisierung schreitet rasant voran. Die Experten Anne Jacquier-Delaloye, Direktorin der Fachhochschule Gesundheit der HES-SO Valais-Wallis, und Urs Sieber, Geschäftsführer von OdASanté, räumen ein, dass die Zukunft nicht einfach wird – ihre Zuversicht verlieren sie deswegen aber nicht.

Seit 2004 übernimmt der Bund statt das Schweizerische Rote Kreuz die Reglementierung der Berufsabschlüsse in der Gesundheitsbranche und damit auch in der Pflege. Sind Sie ein Verfechter des heutigen Bildungssystems oder trauern Sie den alten Zeiten nach?

Urs Sieber (US): Die Integration der Gesundheitsberufe ins Schweizer Bildungssystem hat uns fast nur Vorteile gebracht. Der grösste ist, dass heutzutage die Praxis bestimmt, wie die Ausbildung zu sein hat. Wenn zum Beispiel ein Berufsprofil überarbeitet wird, dann entscheiden Vertreter der Betriebe in enger Partnerschaft mit den Bildungsanbietern, welche Kompetenzen im Arbeitsalltag gefragt sind. Sie können auf die inhaltliche Gestaltung der Ausbildung Einfluss nehmen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Gesundheitsbranche nun Teil der grossen Gemeinde der gesamtschweizerischen Berufsbildung ist. Wir profitieren folglich von starken Verbundpartnern wie dem Bund und den Kantonen. Früher haben wir alles selber organisieren müssen und waren damit gewissermassen Exoten im eigenen Land.

Anne Jacquier-Delaloye (AJD): Ich finde, wir durften auch beim Roten Kreuz mitbestimmen, und wir konnten vor allem mit Personen zusammenarbeiten, welche die Pflege sehr gut kannten. Wir haben jedoch auch gelernt, mit dem Bund gut zu­sammenzuarbeiten. Es brauchte einfach etwas Zeit. Gut an der neuen Regelung ist, dass wir nun im schweizerischen Bildungssystem auf Bundesebene integriert sind und ein klares, im ganzen Land gleich verstandenes System haben. Ich weiss allerdings nicht, ob wir die aktuelle Vielfalt an Berufstiteln brauchen. Meiner Meinung nach sind es zu viele. Ich dachte im Jahr 2002, dass wir zwei Niveaus mit zwei Berufstiteln einführen würden: das Fähigkeitszeugnis und den Bachelor. Die vielen Titel erschweren die Organisation der Ausbildung, und Aussenstehende verlieren doch die Übersicht. Ich äus­sere hier aber meine persönliche Meinung, ich bin nicht die Sprecherin aller Fachhochschulen.

US: Ich denke zwar, dass es alle Berufstitel braucht, aber auch ich sehe Nachteile im neuen System. Der Prozess von der Idee einer Revision bis zur Umsetzung dauert rund sieben Jahre – wenn es schnell geht. Das föderalistische System ist langsam. Wir müssten die Ausbildung aber schneller anpassen können, denn Megatrends wie die Digitalisierung und Ökonomisierung schreiten in der Pflege rasant voran.

Schnell anpassen müsste man vor allem die Anzahl an Fachkräften, die ausgebildet werden. Allein bis ins Jahr 2025 sind 40 000 zusätzliche Pflegefachpersonen nötig. Zwar sind Massnahmen gegen den Fach­kräftemangel im Gang – Imagekampagnen beispielsweise, die Förderung von zusätzlichen Ausbildungsplätzen oder sogar Ausbildungsverpflichtungen – aber reichen sie aus, um den zu Mangel tilgen?

US: Unsere Gegenmassnahmen sind gut, und die Betriebe haben in den vergangenen Jahren einen tollen Job gemacht im Schaffen von Ausbildungsplätzen, gerade die Spitex-Betriebe. Nun ist es aber wichtig, dass Einflussfaktoren wie der zunehmende wirtschaftliche Druck nicht zu einem Rückschritt in unseren Bemühungen führen. Wir brauchen sogar noch mehr Massnahmen. Es muss zum Beispiel an der Personalerhaltung gearbeitet werden. Pflegefachpersonen, die man bereits für sich gewonnen hat, sind sehr wertvoll. Man muss ihnen Sorge tragen. Auch werden andere Branchen künftig weniger Personal brauchen, wir müssen also Quereinsteiger fördern.

AJD: Wir sollten wirklich dringend an der Verweildauer in der Gesundheitsbranche arbeiten. Und wir müssen sicherstellen, dass Frauen nach einer Kinderpause problemlos den Wiedereinstieg in ihren Beruf schaffen. Zudem muss die Ausbildung selbst flexibler werden. Man sollte zum Beispiel die Möglichkeit fördern, das Pflegepersonal in Teilzeit, berufsbegleitend oder auch mal im Fernstudium auszubilden.

Sie sprechen von der Personalerhaltung: Diesbezüglich müsste man doch dringend an der Wertschätzung der Pflege und den Arbeitsbedingungen arbeiten? Pflegefachkräfte sind interdisziplinäre Alleskönner, aber ihr Lohn ist vergleichsweise tief, ihre Arbeitsbedingungen sind anspruchsvoll, ihre Akzeptanz ist im Vergleich zu anderen Berufen im Gesundheitswesen durchwachsen. Da wirkt eine andere Branche schnell attraktiv.

AJD: Die Gesundheitsbranche ist attraktiv. Die grösste Herausforderung ist es, das qualifizierte Fachpersonal in
der Branche zu behalten und Karriereprofile anzubieten. Wir müssen tatsächlich auch an der Wertschätzung der Pflegeberufe arbeiten, ebenso wie an den Arbeitsbedingungen. Zum Beispiel sollen Pflegefachpersonen selbstständig arbeiten dürfen und in jedem Team als gleichberechtigt angesehen werden. Ihre Autonomie muss gefördert werden.

US: Die Wertschätzung der Pflegefachpersonen muss auf zwei Ebenen verbessert werden: Einerseits in der Gesellschaft. Wir sollten in der Öffentlichkeit vermehrt von den positiven Aspekten unserer Branche sprechen, zum Beispiel von ihrer Bedeutung für die zukünftige Gesundheitsversorgung. Andererseits muss die Wertschätzung im Betrieb stimmen. Wichtig ist diesbezüglich die Rollenklarheit. Lädt ein Betrieb zum Beispiel einer FaGe zu viel Verantwortung auf, führt dies zu Überforderung und Unzufriedenheit. Jeder Betrieb muss genau überlegen, wie sein Skill-Mix ist. Wie er also ein Team aus unterschiedlichen Ausbildungsstufen zusammenstellt, um seinen Auftrag optimal zu erfüllen.

In Bezug auf diese Ausbildungsstufen vertreten Sie, Frau Jacquier-Delaloye, die Tertiärstufe A mit den Fachhochschulen, und Sie, Herr Sieber, die Sekundarstufe II und die Tertiärstufe B mit den eidgenössischen Prüfungen und den Höheren Fachschulen. Sind Sie ein Verfechter all dieser Stufen – oder sehen Sie jeweils doch mehr Vorteile bei den Ausbildungsabschlüssen, für die Sie täglich arbeiten?

US: OdASanté vertritt nicht nur die Berufsbildung auf Sekundarstufe II und Tertiärstufe B, wir pflegen auch einen intensiven Austausch mit den Fachhochschulen. Denn nur wenn wir das ganze System im Auge behalten, können
wir eine gute Versorgung gewährleisten und Lösungen anbieten, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Betriebe Rechnung tragen – dabei spielt es keine Rolle, ob Spitex, Heim oder Spital, ob klein oder gross.

AJD: Das System der Ausbildung auf verschiedenen Stufen ist ausgezeichnet und hat der Schweiz Erfolg gebracht. Die Fachhochschulen und die OdA tauschen sich tatsächlich aus, und ich denke, dass diese Zusammenarbeit in Zukunft noch intensiviert werden kann, schliesslich haben wir das gleiche Ziel – eine gute Aus- und Weiterbildung. Wichtig ist mir jedoch in Bezug auf die unterschiedlichen Bildungsstufen, dass jedem klar ist, dass man nicht nur über eine Lehre in die Pflege einsteigen kann. Es existieren andere Wege, etwa der direkte Einstieg in die Tertiärstufe über eine Diplommittelschule. Die Ausbildung auf Tertiärstufe ist für die Qualität der Pflege unbedingt nötig, wie dies in zahlreichen Studien belegt wurde.

Die 2004 eingeführte Berufslehre der FaGe rangiert auf Platz 3 der meistgewählten Lehren. Eine von OdASanté in Auftrag gegebene Studie zeigte kürzlich aber, dass 20 Prozent der befragten FaGe das Gesundheitswesen innert fünf Jahren nach Lehrabschluss verlassen hatten. Die Quote müsse deutlich gesenkt werden, sagten Sie, Herr Sieber, nach Veröffentlichung der Studie. Mangelt es der neuen Ausbildung an etwas?

US: Zuerst einmal muss gesagt sein, dass der Wechsel zwischen den Branchen heutzutage üblich ist. Das müssen wir akzeptieren. Natürlich zeigt die Studie aber, dass Optimierungspotenzial besteht. Wir werden überprüfen, ob am Profil der FaGe etwas zu ändern ist. Wichtig scheint mir jedoch auch, dass jeder Betrieb seine FaGe begleitet. Haben sie zum Beispiel eine gute Work-Life-Balance? Haben sie genug Karrieremöglichkeiten? Sind sie unter- oder überfordert?

AJD: Das Profil der FaGe ist noch nicht überall so gut implementiert in der Branche, wie wir es uns wünschen würden. Aber es ist eine junge Ausbildung. Ich denke, sie braucht einfach noch etwas Zeit.

Kommen wir zu den Pflegehelferinnen und Pflegehelfern. Diese fallen aus dem formalen Raster des Bildungssystems. Sie haben doch aber oft viel Erfahrung im Berufsalltag oder in der Pflege ihrer Angehörigen, viel Sozialkompetenz. Reichen die Anreize für diese Menschen, einen anerkannten Berufstitel zu erwerben, oder geht hier viel Potenzial für neue Pflegefachkräfte verloren?

US: Ich stimme zu, dass dies eine sehr wichtige Gruppe darstellt. Man muss aber auch festhalten, dass der Pflegehelferkurs niederschwellig ist und im Vergleich zu einem eidgenössischen Abschluss wenige Lernstunden umfasst. Wenn eine Pflegehelferin aber mehrere Jahre in einem Betrieb arbeitet und Weiterbildungsangebote nutzt, erarbeitet sie sich die Voraussetzungen für die Anrechnung von Bildungsleistungen. Es gibt heute Möglichkeiten, Erfahrungen an die Ausbildung anzurechnen. Ich denke da an das Qualifikationsverfahren nach Art. 32 der Berufsbildungsverordnung, konkret: die Nachholbildung für Erwachsene. Es ist wichtig, dass wir anerkennen, wie wertvoll Pflegehelferinnen und Pflegehelfer sind. Und dass wir Mittel und Wege haben, sie ins formale Bildungssystem zu integrieren.

AJD: Im Wallis haben wir in einem Bericht zur Personalknappheit im Jahr 2015 auch alle Pflegenden ohne formale Ausbildung miteinbezogen. Daraufhin haben wir versucht, sie auf das Niveau eines Fähigkeitszeugnisses zu bringen, vor allem, indem wir ihre Erfahrung anrechneten. Diese Bemühungen waren erfolgreich, es läuft richtig gut. Ich finde es sehr wichtig, dass man diesen Menschen die Möglichkeit gibt, eine anerkannte Ausbildung zu machen. 

Manchmal ist der Anreiz, sich um eine Bildungsstufe zu steigern, aber gering: Eine FaGe erhält beispielsweise weniger Lohn im ersten Ausbildungsjahr zur Pflegefachfrau HF als im letzten Lehrjahr zur FaGe. Wenn wir auch höher ausgebildete Pflegefachpersonen wollen, dann müssen doch auch die finanziellen Anreize stimmen.

US: Beim Übergang von der FaGe zur HF haben wir tatsächlich ein Problem. Für jemanden, der sich an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt hat, ist es hart, eine weiterführende Ausbildung für rund 1000 Franken im Monat anzugehen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Arbeitgeber und öffentliche Hand die nötige Investition teilen, um schliesslich mehr diplomierte Pflegefachpersonen zu bekommen.

AJD: Generell denke ich, dass der Bund und die Kantone finanzielle Unterstützung in Betracht ziehen sollten, wenn sie mehr höher ausgebildete Pflegefachpersonen wollen. Denn Interessierte für die Ausbildung auf Tertiärstufe zu gewinnen, ist schwierig, wenn sie während der Ausbildung fast nichts verdienen.

Was die Ausbildungen auf Tertiärstufe betrifft, fragen sich allerdings viele Kritiker, ob die Akademisierung gut für die Pflege ist.

US: Die Betriebe und Institutionen sind unterschiedlich gross, haben unterschiedliche Schwerpunkte und individuelle Bedürfnisse bezüglich des Mix an Fachkräften. Wir müssen dafür sorgen, dass sich alle Betriebe und Institu­tionen den optimalen, auf ihren Bedarf zugeschnittenen Skill-Mix zusammenstellen können. Es müssen also ausreichend Fachkräfte auf allen Stufen und in allen Funktionen verfügbar sein.

AJD: Was Kritiker mit der Akademisierung genau meinen, habe ich nie begriffen. Akademisierung bedeutet doch schlichtweg die Integration der Forschung in den Berufsalltag, was zu begrüssen ist. Wir brauchen nicht nur Hände in der Pflege, wir brauchen auch Köpfe. Kritiker, die denken, eine Pflegefachfrau FH sei eine reine Theoretikerin und wolle Chefin sein, liegen falsch. Auch eine Pflegefachfrau FH pflegt Patienten, sie hat einfach eine grössere Expertise, ist selbstständiger. Manche Institutionen mit vielen komplexen Fällen benötigen viele FH-Pflegefachpersonen. Und die Komplexität der Pflege wird weiter zunehmen. Ich plädiere dafür, dass man alle Institutionen in der ganzen Schweiz befragt, aus welchen Abschlüssen sie ihren Skill-Mix gerne zusammenstellen würden. Sonst können wir unsere Ausbildung nicht daran ausrichten – und werden dies vielleicht in zehn Jahren bereuen.

Frau Jacquier-Delaloye, Sie sind Direktorin der Fachhochschule Gesundheit der HES-SO Valais-Wallis. In Visp wurde 2017 der Studiengang Pflege HF eingeführt. Am zweiten Standort im französischen Sitten haben Sie es aber beim Studiengang FH be­lassen. Es gibt in der französischsprachigen Schweiz, ausser in St. Imier BE, keine höheren Fachschulen in Pflege. Warum herrscht in der Romandie diese Skepsis?

AJD: Meiner Meinung nach muss ein Kanton nicht alle Berufsabschlüsse anbieten. In den Jahren vor der Einführung des neuen Bildungssystems wurde klar, dass die Westschweiz den Bachelor und die FaGe für ein Dreamteam hielt, das alleine gut funktionieren würde. Die Deutschschweizer wollten dagegen mehr Berufstitel, auf Tertiärstufe zum Beispiel den HF-Lehrgang und den Bachelor. Dies ist auf die unterschiedliche Auffassung von der Rolle des Pflegepersonals und dessen Ausbildung in diesen beiden Sprachregionen zurückzuführen. Das Wallis ist diesbezüglich ein geteilter Kanton: Nachdem Politiker und Institutionen im deutschsprachigen Wallis jahrelang für einen HF-Lehrgang plädierten, hat der Kanton diesen nun eingeführt. Und das entsprechende Mandat einer Fachhochschule erteilt, was viele erstaunte. Eine Fachhochschule kann aber eine höhere Fachschule führen, in anderen Branchen geht das doch auch.

US: Die nationale Ausrichtung des Bildungssystems bedeutet ja bloss, dass alle eine gemeinsame Klammer haben. Wie die nationalen Vorgaben umgesetzt werden, ist Sache der Kantone. Hier kann also Rücksicht auf unterschiedliche Bildungskulturen genommen werden.

Frau Jacquier-Delaloye, es wird gemunkelt, dass man den HF-Lehrgang zwar nur in Visp anbietet, aber hofft, damit auch die Weichen zu stellen für Sitten. Also die Romandie doch noch zu überzeugen.

AJD: Tatsächlich wurde diesen Frühling eine Arbeitsgruppe geschaffen, die diese Option in Erwägung ziehen wird. Alles ist offen, aber sagen wir es einmal so: Es ist nicht unmöglich, dass eines Tages auch in Sitten ein HF-Lehrgang angeboten wird. Die Entscheidung liegt bei den Politikern.

Von wegen unterschiedliche Kulturen: Rund jede dritte Pflegefachkraft in der Schweiz kommt aus dem Ausland. Uns fehlt es an Pflegefachpersonen, der wirtschaftliche Druck nimmt zu, die Schweiz hat sich gegen Europa geöffnet. Werden in Zukunft günstige Angestellte aus dem Ausland die Pflege in der Schweiz übernehmen wie einst die Gastarbeiter aus dem Süden das Bauen auf den Baustellen?

US: Das ist eine gute Frage. Ich will es den Betrieben überlassen, zu entscheiden, wen sie einstellen. Aber ich möchte auch darauf hinweisen, dass hier ethische Fragen mitspielen. Ziehen wir in einem Land Fachkräfte ab, hat es selbst ein Versorgungsproblem und greift vielleicht auf ein Land mit noch günstigeren Arbeitskräften zurück – und so weiter. Das ist eine bedenkliche Entwicklung.

AJD: Das sehe ich genauso. Pflegefachpersonen, die sowieso in die Schweiz ziehen, sind willkommene, gute Arbeitskräfte. Aber es ist unethisch, anderen Ländern diese Ressource bewusst wegzunehmen. Es liegt in unserer Verantwortung, für genügend Schweizer Pflegefachpersonal zu sorgen.

Kommen wir zur Entwicklung der Pflege: Sie ver­lagert sich zunehmend ins Zuhause der Klienten. Laut der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) ist der Schwerpunkt der Ausbildung künftig auf den Langzeitbereich und die Spitex zu legen. Was be­deutet das?

AJD: Wir Ausbildungsverantwortlichen müssen die Pflegenden an diese Realität heranführen. Wir sind in der Ausbildung noch zu Spital-orientiert. Wir müssen Generalisten ausbilden, die alleine auch komplexe Herausforderungen im Spital sowie zu Hause bei den Patienten zu bewältigen vermögen. Das zeigt auch, dass die Ausbildung auf Tertiärstufe notwendig ist.

US: Es ist auch wichtig, dass sich die Spitex nach wie vor stark in den Entscheidungsprozess mit einbringt, wie genau die Ausbildung an diese Entwicklung angepasst wird. Wir würden es begrüssen, wenn sich die Spitex auch als Mitglied von OdASanté weiterhin auf nationaler Ebene bildungspolitisch engagiert, um Bildungsverordnungen und Rahmenlehrpläne aktiv mitzugestalten.

Entwickelt hat sich die Pflege auch dahingehend, dass Pflegefachpersonen sich längst mit anspruchsvoller Technik wie HTHC sowie mit IT-Geräten, komplizierter Medikation und psychischen Krankheiten auskennen müssen. Und all dies ent­wickelt sich auch noch rasend schnell weiter. Welche Folgen hat dies für die Ausbildung?

US: Wir müssen wegkommen von der Vorstellung, dass es mit der reinen Ausbildung getan ist. Sie vermag nur einen Teil zu leisten. Betriebe müssen ihre Angestellten darin unterstützen, sich fortlaufend weiterzubilden und diejenigen Fertigkeiten zu erlernen, die sie in ihrem spezifischen Arbeitsalltag benötigen. Und zwar in ihrem eigenen Tempo, damit man sie nicht überfordert. Ja, diesen Aspekt kann ich nicht genug betonen: Das Pflegefachpersonal darf niemals damit aufhören, dazuzulernen.

AJD: Die Technologie ist eine Chance für die Pflege, weil sie grosse Fortschritte erlaubt in der Behandlung von
Patienten. Sie ist aber auch eine Herausforderung, weil es dem Pflegepersonal oft am nötigen Wissen fehlt. Im Gegensatz dazu wissen die Technologen nicht, wie der Alltag in der Pflege aussieht. Bald wird die Technologie in manchen Pflegebereichen so komplex sein, dass wir dafür einen Spezialisten brauchen. Diesbezüglich müssen wir wohl ein neues Berufsprofil ins Auge fassen, das eine Mischung aus Pflege- und Technologiebranche darstellt.

Wagen wir zum Schluss einen Blick in die fernere Zukunft. Braucht es vielleicht bald kaum mehr Pflegefachleute, wenn überall Pflegeroboter zum Einsatz kommen wie beispielsweise in Japan? Wird die Pflege durch einen Menschen zum Luxusgut?

US: Nein. Ein Roboter kann vielleicht ein Auto bauen, aber pflegebedürftige Menschen und ihre Bedürfnisse sind doch etwas komplexer. Roboter können bloss eine Unterstützung für Pflegefachkräfte sein. Da gibt es zum Beispiel das intelligente Pflegebett, das meldet, wenn sich ein Patient nicht regelmässig dreht. Unsere Branche wird in Zukunft dank dem zunehmenden Einzug der Technik noch spannender. Wir werden den richtigen Mix zwischen der Pflege durch Menschen und dem Einsatz von Technik finden – im Alltag der Pflege genauso wie in der Ausbildung.

AJD: Sogar die Forscher räumen doch ein, dass Menschen neben den Pflegerobotern unbedingt nötig sind. Ein Roboter kann zwar vieles erledigen, sogar dazulernen. Aber ihm fehlen die Sensibilität, die Menschlichkeit, die eigene Meinung und die Emotionen, die es in der Pflege braucht. Roboter können uns Pflegenden helfen – sie werden uns aber niemals ersetzen.

Interview: Kathrin Morf

Zu den Interviewten
Anne Jacquier-Delaloye ist Direktorin der Fachhochschule Gesundheit der HES-SO Valais-Wallis mit Standorten in Visp und Sitten. Urs Sieber ist Geschäftsführer von OdASanté und Vorstandsmitglied der Spitex Regio Liestal.