Eine neue Liebe und eine neue Niere

Weil die Nieren des zweifachen Witwers Rolf Müller versagten, musste er dreimal pro Woche zur Dialyse. Zuhause half ihm die Spitex Region Brugg AG, seine vielen Medikamente zu ordnen und das bange Warten auf eine Organspende auszuhalten. Doch dann wendete sich alles zum Guten für den 70-Jährigen: Er fand nicht nur eine neue Lebenspartnerin – diese beschloss auch, ihm eine Niere zu spenden.

«Irgendjemand dort oben hat auf mich aufgepasst», sagt Rolf Müller an diesem regnerischen Novembertag und streckt seinen Zeigefinger dem Himmel entgegen. Der 70-Jährige aus Schinznach-Bad AG meint damit die vergangenen drei Jahre, in denen sich sein Leben nach vielen Schicksalsschlägen wieder Schritt für Schritt zum Guten gewendet hat. Doch der Reihe nach.

Das Herz und die Nieren machen Probleme
Im Laufe seines Lebens war Rolf Müller in vielen Berufen tätig; er arbeitete zum Beispiel als Briefträger und in einer Schreinerei. «Mein Arzt sagte mir dann aber, dass der Feinstaub meine Lunge ruinierte», erinnert sich der 70-Jährige und nippt an seinem Wasserglas. Daraufhin arbeitete er im Nachtdienst einer Spedition, bevor er sich als Produzent bei einer Klebstofffirma anstellen liess, wo er bis zur Pensionierung blieb. Seine erste Ehefrau verlor Rolf Müller an eine schwere Krankheit, und vor vier Jahren verstarb seine zweite Frau an einem Herzschlag. «Beim zweiten Mal konnte ich mich nicht einmal verabschieden», erzählt er.

Nach dem plötzlichen Tod seiner zweiten Frau ging es mit dem Gesundheitszustand des Aargauers, der bisher bloss unter leichtem Diabetes gelitten hatte, rapide bergab. Rolf Müller litt unter Schwindel, seine Zuckerkrankheit verschlimmerte sich, er stürzte des Öfteren. Zuhause konnte er nur wohnen bleiben, weil ihm die Nonprofit-Spitex zur Seite stand. Als er zum dritten Mal ins Spital von Altstätten SG eingeliefert wurde, in dessen Nähe er damals wohnte, überwies man ihn ans Kantonsspital St. Gallen. Dort fand man heraus, dass er einen Herzinfarkt erlitten hatte. Nach einer Weile im Spital informierten ihn die Ärzte zudem, dass sein Herz nicht das einzige Organ war, das ihnen Kopfzerbrechen bereitete. «Meine Nieren versagten», berichtet Rolf Müller, der fortan dreimal pro Woche zur Dialyse musste. Seine Geschwister bemerkten derweil, wie schwach ihr Bruder war, und baten ihn, in ihre Nähe zu ziehen – nach Hause in den Aargau.

Im siebten Himmel nach einem Entschluss
Rolf Müller zügelte also in eine lichtdurchflutete Wohnung in Schinznach-Bad. Dort besuchte ihn regelmässig die Spitex, um seine Medikamente zu richten und ihn im Haushalt zu unterstützen. «Damals hat die Krankheit mein Denken zu beeinflussen begonnen», erzählt er. «Manchmal kam ich mir vor, als sei ich in unserer Gesellschaft nichts mehr wert.» Eine Nierenkrankheit dominiere das ganze Leben eines Betroffenen, erklärt seine damalige Spitex-Fallführende Evi Waser, die Rolf Müller an diesem Novembertag besucht. «Er muss dreimal pro Woche zur Dialyse, darf fast nichts trinken, seine Nahrung muss salzarm sein und jeder Ausflug wird zur grossen Herausforderung. Da ist es verständlich, dass sich ein Betroffener als Sonderling fühlt», fährt die Pflegefachfrau HF fort, und Rolf Müller nickt zustimmend. In dieser Zeit begann sich das Schicksal für den Rentner indes zum Guten zu wenden. Er besuchte eine Vorstellung der Theatergesellschaft Buochs NW und sass neben einer Frau, die ihm gefiel: Monika Schuler war ein Jahr älter als er, hatte auch einen Ehepartner verloren und war ebenfalls Stammgast in jenem Theater, in dem die beiden nun aufeinandertrafen. «Dass wir nebeneinandersassen, musste wohl so sein», erzählt Monika Schuler und fügt lächelnd an: «Denn so hat das irgendwie angefangen mit uns beiden.»

Rolf Müller genoss die neue Partnerschaft, auch wenn ihn seine Krankheit zunehmend schwächte. «Nach den Dialysen wollte ich nur noch schlafen», erzählt er. Geprägt wurde sein Alltag auch vom Warten und Hoffen auf ein Spenderorgan. Bereits im Spital hatten ihn die Ärzte auf die Warteliste gesetzt, machten ihm angesichts der vielen Betroffenen aber wenig Hoffnung. Seine Verwandten kamen allesamt nicht dafür in Frage, ihm eine Niere zu spenden, weil Diabetes und Nierenschwäche in der Familie liegen.

Eines Tages war Rolf Müller dann bei seiner neuen Lebenspartnerin in Kriens LU zu Besuch. Er hatte geplant, wieder in den Aargau zu fahren, hatte aber eigentlich keine Lust darauf. «Weisst du was?», fragte Monika Schuler – sie schlug ihrem Partner aber nicht etwa eine gemeinsame Wohnung vor, wie es ein Aussenstehender vermutet hätte. Das Paar hatte nämlich entschieden, in getrennten Wohnungen zu leben und sich häufig zu besuchen. Denn beide genossen ihren Freiraum und die Nähe zu ihrer jeweiligen Familie. «Ich gebe dir doch einfach eine Niere», sagte Monika Schuler stattdessen. «Das war ein riesiges Geschenk. Ich schwebte im siebten Himmel», erzählt Rolf Müller. Kurz darauf erzählte er «seiner» Spitex-Mitarbeiterin von der guten Nachricht. «Ich freute mich riesig», erzählt Evi Waser, die seit acht Jahren bei der Nonprofit-Spitex arbeitet und inzwischen stellvertretende Leiterin des Teams West der Spitex Region Brugg AG ist. «Schliesslich hatten ich und das ganze Team mit Herrn Müller mitgelitten und mitgehofft.»

Viel Hilfe beim Warten
Als Erstes sprach Monika Schuler mit der Ärztin von Rolf Müller. «Sie sagte mir, was ich vorhabe, sei kein Spaziergang. Ich antwortete, das sei mir egal», erzählt die 71-Jährige. Sie habe auch ihre beiden besorgten Söhne beruhigen müssen. Ihr Lebenspartner habe sie nie um die Spende gebeten und sie habe nie an ihrem Entschluss gezweifelt, stellt sie klar. Nach dem Erstgespräch begann eine Zeit der unzähligen Tests: Eine Darmspiegelung wurde ebenso durchgeführt wie ein Lungenfunktionstest und ein EKG. «Und mir wurde sicher fünfmal Blut abgenommen. Ich hatte keine Ahnung, dass es so viele verschiedene Blutwerte gibt», sagt sie schmunzelnd.

Mit den physischen Tests war es allerdings nicht getan: Psychiater wollen hierzulande sicherstellen, dass ein Organspender psychisch gesund ist und nicht unter Druck gesetzt wird. «Rolf und ich haben gemeinsam und getrennt mit einer Psychiaterin gesprochen», erzählt Monika Schuler und fügt lachend an: «Sie hat mich zum Beispiel gefragt, was denn passiere, wenn Rolf mich verlasse. Ich habe sie gefragt, was sie denn denke – ich würde die Niere sicher nicht zurückfordern.» Monika Schuler bestand sämtliche Tests, aber immer wieder stellten die Ärzte infrage, ob Rolf Müllers Gesundheitszustand die Operation zuliess. Erst bereitete ihnen seine verkalkte Prostata Sorgen, dann ein Nebengeräusch seines Herzens – aber nach eingehenderen Untersuchungen gaben sie Entwarnung. «Immer wieder gab es mit grosser Freude verbundene Hoffnung, und dann kam der nächste Dämpfer», erinnert sich Evi Waser. Seine Partnerin, seine Familie und die Spitex hätten ihm in jener Zeit sehr geholfen, fügt Rolf Müller an. «Wenn man nicht allein ist, hält man das Warten aus.»

Mehrere geglückte Operationen
Beinahe ein Jahr dauerte es, bis das Paar erfuhr, dass der Transplantation nichts mehr im Weg stand. Das auf Nierenspenden spezialisierte Kantonsspital Basel braucht dafür allerdings zwei Operationssäle und zwei Teams, entsprechend musste das Paar noch einige Wochen zusätzlich warten. Zwei Wochen des Wartens verbrachten sie dabei in der Karibik. «Die Ärzte waren einverstanden. Sie sagten, dann kämen wir erholt zurück», erzählt Monika Schuler. Das Paar fand ein Dialyse-Kreuzfahrtschiff und liess es sich darauf gut gehen, während der Kapitän eine Karibikinsel nach der anderen ansteuerte. Traumhaft sei diese Reise gewesen, erzählen die beiden. Wenige Tage nach ihrer Rückkehr packten sie erneut ihre Koffer und fuhren mit dem Zug nach Basel, zur Operation am 26. März dieses Jahres. Zur Sicherheit hatten sie ihre Patientenverfügungen, Testamente und Vorsorgeaufträge verfasst, aber die Operation verlief gut.

Einige Tage nach seiner Entlassung aus dem Spital fühlte sich Rolf Müller allerdings wieder krank. Als Monika Schuler spätnachts aufwachte, wirkte ihr Lebenspartner apathisch, weswegen sie unverzüglich den Notruf wählte. «Ich dachte, dass sein Körper die Niere abstösst», erzählt sie. Die Basler Ärzte stellten jedoch die Diagnose, dass Rolf Müller unter einem Darmverschluss litt. Eine Operation rettete ihm das Leben und die Chirurgen kümmerten sich bei dieser Gelegenheit auch gleich um die verkalkte Prostata. Rolf Müller durfte erneut nach Hause – doch ein weiteres Organ sollte ihm alsbald das Leben schwer machen: Während das Paar im September in Kroatien weilte, um am Meer zu entspannen, begann Rolf Müller heftig zu husten. Ein Arzt diagnostizierte eine Lungenentzündung und verordnete eine dreitägige Antibiotika-Kur. Danach stellte er seinem Patienten ein Rezept für Tabletten aus und liess ihn ziehen. Doch Rolf Müller vermochte die Ferien nicht zu geniessen, da er unter starker Müdigkeit und Appetitlosigkeit litt. Monika Schuler beschloss in Sorge, die Ferien abzubrechen. Zurück in der Schweiz erfuhr Rolf Müller, dass sich die neuen Tabletten nicht mit seinen restlichen Medikamenten vertrugen. Seine Nierenwerte waren alarmierend – sie verbesserten sich dank der rechtzeitigen Intervention der Spezialisten aber schnell wieder.

Jetzt werden wieder Pläne geschmiedet
Zwei Monate nach der letzten Komplikation muss Rolf Müller immer noch 15 Tabletten täglich schlucken, richtet die Medikamente inzwischen aber gemeinsam mit Monika Schuler. Die Spitex Region Brugg AG braucht er nicht mehr, aber dass Evi Waser ihm einen Besuch abstattet, freut ihn. Im Gespräch erzählen Rolf Müller und Monika Schuler von ihrem Wunsch, dass mehr Menschen sich ins Organ­spende-Register eintragen oder zu Lebzeiten eine Niere spenden (vgl. Infokasten). «Damit kann man Menschen dabei helfen, dass ihr Leben wieder lebenswert ist», sagt Monika Schuler.

Dann erzählen die beiden Senioren von den Reiseplänen, die sie derzeit gemeinsam schmieden. Zum Beispiel werden sie Silvester mit der ganzen Familie in Leukerbad feiern. «Mir geht es sehr gut», sagt Rolf Müller lächelnd. «Ich stimme meinem Partner nicht nur diesbezüglich zu», fügt Monika Schuler an und zeigt nun ebenfalls auf den wolkenverhangenen Himmel. «Ich glaube auch, dass in den vergangenen Jahren irgendjemand dort oben gut zu Rolf geschaut hat.»

Kathrin Morf

Lebendspenden
Gemäss der Stiftung Swisstransplant wurden 2017 in der Schweiz 145 herz- oder hirntote Organspender und 137 Lebendspender gezählt. Schweizer können ihre Zustimmung oder Ablehnung von Organspenden dokumentieren (mehr Informationen zu Möglichkeiten wie Spendekarte, Organspende-Register und Patientenverfügung gibt es unter www.swisstransplant.org). Lebende Personen dürfen hierzulande eine Niere und einen Teil ihrer Leber spenden. Bei der gerichteten Spende geht das Organ an eine bestimmte Person, bei der nichtgerichteten an einen anonymen Empfänger. In der Schweiz darf nur eine Niere nichtgerichtet gespendet werden, da die Spende eines Teils der Leber das grössere Risiko birgt. Lebendspender müssen sich vielen medizinischen und psychologischen Abklärungen unterziehen. Es ist verboten, für die Organspende einen finanziellen Gewinn oder andere Vorteile zu gewähren oder entgegenzunehmen. Finanziert wird die Lebendspende vollumfänglich von der Krankenkasse des Empfängers.