Personal für kleine Klienten gesucht

Kinderspitex-Organisationen sehen sich mit der schwierigen Rekrutierung von neuen Mitarbeitenden konfrontiert. Eine Pflegefachfrau der Kinderspitex Oberwallis erzählt, wieso ihr Beruf eigentlich mehr Interessentinnen und Interessenten anlocken sollte – wegen Klienten wie Matteo zum Beispiel,
denen man immer ein Lächeln entlocken kann.

Sanft wiegt Pflegefachfrau Angela Gubler den zehnjährigen Matteo in ihren Armen, redet mit ruhiger Stimme auf ihn ein und strahlt dabei übers ganze Gesicht. Ihre Fröhlichkeit scheint ansteckend zu sein, denn der kleine Klient lächelt zufrieden. Matteo wohnt mit seiner Familie in der Gemeinde Naters im Oberwallis und ist seit Geburt cerebral gelähmt, leidet unter Epilepsie und einem Entwicklungsrückstand, kann weder reden noch gehen. Aber Gubler fokussiert nicht Matteos Defizite. «Jedes kranke Kind hat einen gesunden Anteil», sagt die 62-Jährige aus Glis. «Dass ich diesen Anteil finden und spielerisch fördern kann, hat mich stets motiviert.» Sie ist seit 20 Jahren mit grosser Freude für die Oberwalliser Kinderspitex tätig – und hofft, dass ihr Arbeitgeber in Zukunft ausreichend neue Mitarbeitende finden wird, obwohl er derzeit Mühe mit der Rekrutierung bekundet.

Gründe für die Zurückhaltung
Ein Grossteil der Kinderspitex-Organisationen der Schweiz hat mit Schwierigkeiten bei der Suche nach geeignetem
Pflegefachpersonal zu kämpfen (siehe Infokasten). Dass das Oberwallis diesbezüglich keine Ausnahme darstellt, bestätigt Regina Bregy. Sie ist Teamleiterin der Kinderspitex, welche dem Sozialmedizinischen Zentrum Oberwallis (SMZO) angehört. Für eine freie Stelle suche man beispielsweise seit Ende 2017 eine Pflegefachkraft. «Leider ist bisher bloss eine Bewerbung eingegangen, die wir nun prüfen», erklärt Bregy im Interview Mitte April.

Man habe auf mehr Interesse gehofft, ergänzt Willy Loretan, Geschäftsleiter des SMZO. «Schliesslich reden wir nicht nur von fortschrittlichen Arbeitsbedingungen, wir haben sie auch zu bieten.» In der Kinderspitex seien beispielsweise kleine Teilzeitpensen an der Tagesordnung, und Weiterbildungen würden gern finanziert. «Ausserdem ist es doch ein schönes Gefühl, wenn man mithelfen kann, dass kranke Kinder daheim sein dürfen», meint Bregy. «Wenn zur Krankheit auch noch die Angst vor dem Fremden und die Sehnsucht nach der Familie hinzukommen, dann kann dies zu grosser Traurigkeit oder gar zur Verweigerung der Therapie führen. Kinder brauchen ihr Zuhause.»

Dass die Oberwalliser Kinderspitex trotzdem mit Rekrutierungssorgen zu kämpfen hat, ist gemäss Loretan auch mit dem allgemeinen Fachkräftemangel in der Gesundheitsbranche erklärbar, der sich in Randregionen besonders stark bemerkbar macht. Erschwerend komme hinzu, dass die Kinderspitex wegen der Komplexität der Fälle nur Pflegefachpersonal mit einer Ausbildung auf Tertiärstufe suche und dass Nachtdienste geleistet werden müssten. «Zudem fürchten viele Pflegefachpersonen, dass die Arbeit mit kranken oder gar sterbenden Kindern eine zu grosse Belastung für sie darstellt», ergänzt Bregy.

Manche Argumente, die gegen die Kinderspitex ins Feld geführt werden, lassen die Verantwortlichen indes nicht gelten. Loretan wehrt sich zum Beispiel gegen die verbreitete Meinung, dass Kinderspitex-Löhne vergleichsweise schlecht seien: «Die Lohntabelle der Walliser Vereinigung der SMZ gilt für jede Abteilung.» Weiter würden viele Aussenstehende denken, dass die Kinderspitex nur Fachpersonal mit einer Ausbildung in Pädiatrie suche, schliesst Bregy. «Uns reicht aber das Interesse dafür.»

Die Sonnenseiten überwiegen
Angela Gubler kann verstehen, wenn jemand die Konfrontation mit schwerstkranken Kindern fürchtet. Zweimal hat sie ein sterbendes Kind gepflegt, und die Belastung sei jeweils gross gewesen. Nach dem Tod habe sie die Trauer aber verarbeiten können, indem sie Abschied nahm – mit den Eltern und im Team der Kinderspitex. «Eine Pflegefachfrau muss Nähe zulassen», sagt sie. «Es muss ihr aber auch gelingen, sich abzugrenzen.» Lieber als über solche Schattenseiten ihres Berufes spricht die 62-Jährige jedoch über dessen Sonnenseiten: Über die grosse Selbstständigkeit und den abwechslungsreichen Berufsalltag beispielsweise. Und über diejenigen Momente, die ihr besonders im Gedächtnis haften geblieben sind: Lachend erinnert sie sich zum Beispiel daran, wie eine gehbehin­derte Klientin mit Papierknäueln um sich warf, immer und immer wieder. «Und ich habe mit ihr geschimpft, immer und immer wieder. Das Mädchen hat schallend gelacht. Natürlich war das Ganze nur ein Spiel zur Verbesserung der Motorik.»

Gerne erinnert sich Gubler auch an den Moment, als sie sich neben eine schwer beeinträchtigte Klientin auf eine Matte legte. «Ansonsten lebte das Mädchen in seiner eigenen Welt. Aber damals nahm sie plötzlich Kontakt zu mir auf, berührte mich sanft», erzählt sie. «Das war ein magischer Augenblick, auch wenn er sich nie wiederholt hat.» Und schliesslich vergesse sie niemals jenes besondere Lächeln eines Mädchens, das an einer schweren Stoffwechselkrankheit litt. «Ich habe die Klientin gebadet und dabei ihre bewegungslosen Hände in meine genommen, um im Wasser zu planschen.» Das sei ein sehr fröhlicher Moment für sie beide gewesen. «Ich wusste damals nicht, dass dies ihr letztes Bad war. Sie ist kurz darauf gestorben», sagt Gubler. «Geblieben ist mir am Ende aber nicht die Trauer, sondern die Erinnerung an dieses Lächeln.»

Matteo mag Musik
Zur Kinderspitex gestossen ist die vierfache Mutter (und inzwischen vierfache Grossmutter) Angela Gubler, als sie vor 20 Jahren nach einer Teilzeitstelle suchte. Sie wurde bei der Kinderspitex fündig und betreute als erste Klientin ein Mädchen, das am Undine-Syndrom litt und das folglich rund um die Uhr beatmet werden musste. «Heute ist sie zwar kein Kind mehr, aber ich bin immer noch für sie zuständig», sagt Gubler. Derzeit betreut die Pflegefachfrau HF mit ihrem 50-Prozent-Pensum, da sie auch Büroarbeiten übernimmt, nur noch einen weiteren Klienten – und zwar Matteo, den Jungen aus Naters.

Seit über acht Jahren kontrolliert Gubler regelmässig Matteos Blutwerte, ernährt ihn über eine PEG-Sonde; und sie kocht für ihn, weil er dank einer speziellen Diät weniger epileptische Anfälle erleidet. «Seine Familie versucht stets, für Matteo das Optimum aus seinem Zuhause herauszuholen», lobt sie. So führt ein Treppenlift zur Wohnung im zweiten Stock und ein weiterer Lift hilft beim Baden. Zudem haben die Eltern überall Lautsprecher installiert – doch dazu später.

Dass ihr Sohn daheim wohnen kann, ist den Eltern ein zentrales Anliegen. «Matteo fühlt sich zu Hause am wohlsten. Und wir möchten ihn so viel wie möglich bei uns haben», sagt sein Vater Thomas Bittel. Die Kinderspitex sei eine grosse Entlastung für die Familie, zu der ein weiterer Sohn im Alter von zwölf Jahren gehört. «So können wir auch mal durch­atmen oder beispielsweise gemeinsam einkaufen gehen.»

Über Fortschritte von Matteo freuen sich jeweils Familie und Pflegefachpersonen gemeinsam. «Zum Beispiel schaut er uns direkt an, greift nach uns. Und er lacht sehr viel, was er als kleines Kind alles kaum tat», sagt seine Mutter Fabienne Bittel. Im Moment hat sich das Lachen auf Matteos Gesicht aber verflüchtigt, Bauchschmerzen quälen ihn. Seine Pflegerin hat hierfür verschiedene Gegenmittel parat: Sanft reibt sie dem Jungen den Bauch – und dann wird klar, wofür all die Lautsprecher installiert worden sind: Matteo liebt beruhigende Musik; mit ihrer Hilfe vermag er einzuschlafen oder verliert die Angst vor Untersuchungen. Und so dringen alsbald sanfte Flötentöne an Matteos Ohr, woraufhin er sich unverzüglich entspannt – ja, er gluckst sogar vor Freude in den Armen von Angela Gubler. «Wenn mein Sohn glücklich ist, weil ihn jemand zum Lachen bringt», sagt Thomas Bittel, «dann sind das die schönsten Momente in unserem Alltag.»

Kathrin Morf

Auch andere haben Rekrutierungssorgen
Die im Artikel fokussierte Kinderspitex des Sozialmedizinischen Zentrums Oberwallis (SMZO) kümmert sich um die jüngsten Spitex-Klientinnen und -Klienten – von der Frühgeburt bis ins Alter von 20 Jahren. Das Team zählt rund 30 Angestellte mit insgesamt 650 Stellenprozenten und betreut derzeit 16 Kinder im deutschsprachigen Wallis, also vom Tourismus-Magnet Zermatt bis nach Oberwald im Obergoms.

Die Oberwalliser Kinderspitex ist eines von 14 Mitgliedern des Dachverbandes Kinder-Spitex Schweiz. Dessen Präsidentin Eva Gerber bestätigt, dass die Rekrutierung von Personal für die meisten Verbandsmitglieder eine grosse Herausforderung darstellt. Die Gründe hierfür seien vielfältig. «In Ballungszentren der Pädiatrie ist die Konkurrenz im Werben um geeignete Fachpersonen riesig, in Zürich zum Beispiel», sagt Gerber, die auch Geschäftsleiterin der Kinderspitex Zürich ist. Zudem kämpften viele Mitglieder derzeit um ihre Finanzierung. Nicht alle böten darum branchen­übliche Löhne oder könnten sich den Mehraufwand für die Koordination leisten, um Schichtarbeit anzubieten. Weiter seien vielerorts Nachtwachen zu übernehmen, und man müsse mit langen Arbeitswegen rechnen, da die Kinderspitex-Organisationen kantonal oder gar interkantonal sind. «Und schliesslich ist die Komplexität unserer Arbeit riesig», fährt Gerber fort. Eine Kinderspitex-Mitarbeiterin müsse in diversen Fachgebieten sattelfest sein und selbstständig arbeiten, weswegen man fast ausschliesslich Personal mit Ausbildung auf Tertiärstufe einstelle, das oft besonders schwer zu finden sei. «Komplexität und Selbstständigkeit machen unsere Arbeit zwar sehr spannend, aber sie stellen auch hohe Anforderungen an die Pflegefachperson und können abschreckend wirken.» Für die Kinderspitex-Organisationen bedeute die Komplexität, dass sie ihr Personal laufend weiterbilden müssten. Diesbezüglich hofft Gerber auf mehr Unterstützung. «Spitäler haben ein grosses jährliches Budget für Weiterbildungen. Es wäre schön, wenn die Kinderspitex hierfür von der öffentlichen Hand mehr Geld erhalten würde.» Trotz alldem überwögen die Vorteile der Arbeit bei der Kinderspitex, betont Gerber. «Es ist eine extrem erfüllende, sinnvolle Aufgabe.» Zu den aktuellen Rekrutierungsschwierigkeiten kommt hinzu, dass der Personalbedarf in der Kinderspitex generell weiter anwachsen dürfte. Denn die Klientenzahlen steigen. Beispielsweise, weil die moderne Technik es mehr Kindern ermöglicht, zu Hause gepflegt zu werden, und weil das gesundheitspolitische Motto «ambulant vor stationär» zunehmend auch in Bezug auf Kinder umgesetzt wird.