Der neue Spitex-Präsident im Interview

Wer überlegt, wie ein Blick in die Zukunft der Spitex aussehen könnte, dem dürften einerseits Szenen in den Sinn kommen, die einem Science-Fiction-Roman entsprungen sein könnten: Roboter helfen bei der Pflege der Klientinnen und Klienten, der Hausarzt ist per Live-Chat zugeschaltet und eine Drohne transportiert alle nötigen Medikamente zur Pflegefachperson. Ganz unrealistisch ist dieses Zukunftsszenario nicht, werden doch bereits heute verschiedene Pflegeroboter in der Schweiz getestet. Andererseits dürfte mancher bei einem Blick in die Zukunft der Spitex auch an die steigenden Klientenzahlen denken – und an das zusätzliche Personal, das deswegen benötigt wird. Über diese und viele weitere Themen spricht im Folgenden Thomas Heiniger, der neue Präsident von Spitex Schweiz.

Spitex Magazin: Die Spitex der Zukunft wird sicherlich unter dem Zeichen von digitalen und technologischen Möglichkeiten stehen. Aber auch die steigenden Klientenzahlen und der zunehmende Bedarf an Pflegefachkräften dürften die Zukunft der ambulanten Pflege prägen. Doch erst wollen wir einen Blick in die nahe Zukunft der Spitex werfen, und diese dürfte von Ihnen als neuem Präsidenten von Spitex Schweiz massgeblich mitgeprägt werden. Umreissen Sie zum Auftakt doch kurz, wieso Sie sich entschieden haben, dass die Spitex ein Teil Ihrer eigenen Zukunft sein soll.

Thomas Heiniger: Ich wollte nach meiner Zeit als Zürcher Gesundheitsdirektor nicht untätig herumsitzen, sondern etwas bewirken – aber nur noch in Bereichen, die ich als gesellschaftlich sinnvoll erachte. Die Anfrage von Spitex Schweiz hat mich sehr gefreut, weil ich die Spitex für einen sehr wertvollen Teil des Gesundheitswesens halte. Erstens, weil sie dafür sorgt, dass ihre Klientinnen und Klienten in ihren vertrauten vier Wänden leben können. Zweitens bietet sie ein sehr individualisiertes Angebot: Die Spitex liefert nicht einfach eine standardisierte Rundumbetreuung, sondern ermittelt präzise, wo eine betroffene Person welche Hilfe braucht und wo stattdessen ihre Selbstverantwortung gestärkt werden kann. Und drittens arbeitet die Spitex auch kostengünstig; das ist sehr relevant. Das Thema Pflege geht mir zudem persönlich nahe: Meine Mutter ist wegen ihrer Demenz seit fünf Jahren im Pflegeheim. Ich erlebe also auch in meinem Privatleben, wie wichtig eine gute Pflege für Betroffene und Angehörige ist. Mit welch bemerkenswerter Professionalität, Ruhe und Überzeugung die Spitex-Mitarbeitenden ihrer Arbeit nachgehen, wurde mir beispielsweise auch bewusst, als ich als Gesundheitsdirektor an einem meiner Praxistage mit der Spitex Bonstetten unterwegs war. Solche persönlichen Einblicke in die Arbeit an der Basis sind mir wichtig. Ich war sehr beeindruckt, wie die Spitex-Mitarbeiterin trotz ihres engen Taktplans bei jedem Einsatz hundertprozentig präsent war und jedem Klienten ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte.

Glaubt man den Medienberichten aus Ihren rund zwölf Jahren als Zürcher Gesundheitsdirektor, sind Sie zielstrebig, fleissig, treiben Projekte gerne rasch voran – und Sie sind ein Erfolgsmensch, der das Schweizer Gesundheitswesen in- und auswendig kennt. Was kann Spitex Schweiz mit Ihnen an der Spitze in Zukunft erwarten?

Ich hoffe, dass ich auch im fortgeschrittenen Alter noch diejenige Dynamik und denjenigen Leistungswillen an den Tag legen kann, welche mich bisher ausgezeichnet haben. Ich weiss, dass ich zeitweise als ungeduldig galt, aber die vielen Jahre Erfahrung haben mich ruhiger werden lassen. Ich bin immer noch entscheidungsfreudig und entscheidungswillig, aber ich kann inzwischen auch gut zuhören. Bevor ich einen Beschluss fasse, lasse ich alle Involvierten zu Wort kommen und lege Wert auf eine sorgfältige Auslegeordnung. Und ich bin jederzeit bereit, eine Entscheidung zu überdenken, wenn sich eine neue Situation ergibt. Das sorgfältige Abwägen ist mir also wichtig – aber auch das konsequente Umsetzen von Entscheidungen. Ich will etwas bewirken und nicht bloss diskutieren und Reden schwingen. Denn Erfolg hat drei Buchstaben: TUN! Diese Einstellung hat sicherlich auch dafür gesorgt, dass ich im Laufe meiner politischen Arbeit manchmal angeeckt bin. Aber am Ende ist es doch so: Es ist besser, einen einzelnen Schritt vorwärts zu machen, als immer nur von einer langen Reise zu träumen.

Sie wechseln nach 37 Jahren in der Politik gewissermassen die Seiten: Bisher waren Sie Vertreter einer Gemeinde oder eines Kantons. Die kantonale Perspektive haben Sie bis im April 2019 auch als Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) eingenommen. Zudem war es Ihnen stets wichtig, das Gesundheitswesen als Ganzes im Auge zu haben und gegen das «Gärtchendenken» der einzelnen Leistungserbringer anzukämpfen. Künftig vertreten Sie allerdings die Interessen eines bestimmten Leistungserbringers – diejenigen der Spitex. Wie gross ist die Herausforderung dieses Perspektivenwechsels?

An meinen Ämtern hat mich nicht der Titel interessiert, sondern dass ich dadurch in der Gesellschaft etwas bewirken konnte. Die Gesundheitsdirektion hat es mir ermöglicht, mich im Spannungsfeld zwischen Individualität und komplexem System für die Lebensqualität der Bevölkerung einzusetzen. Dies betrachte ich als Lebensaufgabe, und dazu passt die Spitex sehr gut. Ich habe keinerlei Bedenken, was den Wechsel zur Perspektive der Spitex betrifft. Schliesslich bin ich von Haus aus Anwalt – also ein Interessenvertreter, der sich in seinem Arbeitsalltag an seiner jeweiligen Aufgabe orientiert. Als Regierungsrat hatte ich gewissermassen ein Mandat der Bevölkerung des Kantons Zürich. Jetzt übernehme ich aber ein anderes Mandat; dasjenige der Spitex. Ich fühle mich also per sofort als Anwalt aller Mitarbeitenden sowie aller Klientinnen und Klienten der Spitex, und für ihre Interessen werde ich konsequent einstehen.

Wichtig war Ihnen als Regierungsrat stets, dass Sie Gesundheitsdirektor waren – und nicht Krankheitsdirektor. Sie setzten sich darum stets für Gesundheitsförderung und Prävention ein, damit die Menschen gar nicht erst krank wurden. Diesbezüglich hatten Sie es sich insbesondere zum Ziel gemacht, die Gesundheitskompetenz zu fördern. Diese ist gemäss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) aber bei 54 Prozent der Schweizer Bevölkerung immer noch ungenügend. Sie dürften sich also auch bei Spitex Schweiz für dieses Thema stark machen?

Auf jeden Fall. Denn einerseits braucht jede Schweizerin und jeder Schweizer eine umfassende Gesundheitskompetenz, um die zunehmenden Wahlmöglichkeiten im Gesundheitswesen bewältigen zu können. Schliesslich hat heute jede Person die freie Wahl zwischen Spitälern, Ärzten, Heimen und verschiedenen medizinischen Eingriffen. Andererseits liegt mir das Thema mit Blick auf die steigenden Gesundheitskosten am Herzen: Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung ist das wichtigste Element für ein künftiges bezahlbares Gesundheitswesen. Um die Schweizer Gesundheitskompetenz ist es aber tatsächlich nicht gut bestellt: Unser Land liegt im internationalen Vergleich hinter Nationen wie Polen und Griechenland. Hier ist langfristiges Denken notwendig, denn Studien zeigen klar: Für jeden Franken, den wir in Prävention und Gesundheitsförderung investieren, sparen wir in der Zukunft rund 5 Franken. Ende 2018 startete die Zürcher Gesundheitsdirektion darum gemeinsam mit der Careum Stiftung das Programm «Gesundheitskompetenz Zürich», das verschiedene Projekte umfasst. Das erste heisst «Selbstcheck Gesundheitskompetente Organisationen», und eine Vertreterin aus der Praxis ist dabei die Spitex Zürich Limmat. Die Spitex ist eine ideale Partnerin, weil sie sich in diesem Bereich stark engagiert: Beispielsweise legt sie grossen Wert auf die laufende Förderung der Gesundheitskompetenz all ihrer Klientinnen und Klienten, setzt sich unter anderem für die Sturzprävention ein und erkennt aufmerksam und frühzeitig Anzeichen von sich anbahnenden Krankheiten.

Richten wir nun den Blick auf einen anderen Faktor, der die Zukunft der Spitex mit Sicherheit prägen wird: die steigenden Fallzahlen. Die Menschen werden immer älter, sie treten früher aus dem Spital aus und möglichst spät ins Heim ein und wollen mehrheitlich zu Hause gepflegt werden. Letzteres entspricht auch dem von Bund und Kantonen geförderten Leitsatz «ambulant vor stationär». Die Spitex hat darum immer mehr zu tun – und braucht deswegen immer mehr Personal. Laut dem nationalen Versorgungsbericht 2016 ist bis 2030 in der ambulanten Pflege mit einem Mehrbedarf an Fachkräften von 57 Prozent zu rechnen. Eine getroffene Massnahme gegen den drohenden Fachkräftemangel ist die neue Imagekampagne für die Langzeitpflege. Was muss die Spitex weiter tun, um in der Zukunft genug Personal zur Verfügung zu haben?

Diesbezüglich möchte ich drei Massnahmen betonen: Erstens muss die Spitex weiterhin attraktive Arbeitsbedingungen bieten können. Zum Beispiel müssen die Spitex-Organisationen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf garantieren. Und die Politik muss sich bewusst sein, dass gute Pflegefachpersonen Geld kosten. Zweitens müssen auch künftig genügend Pflegefachpersonen ausgebildet werden, und hier erachte ich eine umfassende Ausbildungsverpflichtung als sinnvoll. Im Kanton Zürich waren erst nur die Spitäler zur Ausbildung verpflichtet, auf den 1. Januar 2019 haben wir aber die Ausbildungsverpflichtung für alle Betriebe der Pflege eingeführt, also auch für die Spitex. Drittens müssen wir uns weiterhin bemühen, das Image der Arbeit bei der Spitex zu pflegen. Zusammenfassend darf sich die Spitex nicht darauf verlassen, dass das System für genügend Fachkräfte sorgt. Stattdessen muss sie selbst auf allen Ebenen aktiv werden.

Im Hinblick auf die Klientin und den Klienten der Zukunft ist laut Experten vor allem eines wichtig: Individualität. Eine Studie von Senesuisse geht davon aus, dass in der Pflege im Jahr 2025 die individuellen und immer mannigfaltigeren Wünsche der Klienten das Mass aller Dinge sein werden. Wie schafft es die Spitex, diesen künftigen Ansprüchen gerecht zu werden?

Ich habe grosses Vertrauen in die Spitex. Sie hat in der Vergangenheit alle Herausforderungen sehr gut gemeistert und wird dies auch in Zukunft tun. Ich glaube fest daran, dass sich die Organisation stetig weiterentwickeln und sich laufend an die sich verändernden Ansprüche der Gesellschaft anpassen wird. Bedingung ist natürlich, dass sie auch das dazu benötigte Geld erhält. Die Politik muss sicherstellen, dass die gesellschaftlich wertvollen Leistungen der Spitex angemessen entschädigt werden.

Diese Leistungen werden auch aufgrund des Umsetzens von «ambulant vor stationär» immer komplexer. Zudem werden Sonderdienste wie Demenz-, Onkologie-, Kinder- und Psychiatrie-Spitex oder 24-Stunden-Dienste immer wichtiger. All diese Entwicklungen führen zu einem Kostenanstieg, und damit die Spitex hierfür auch in Zukunft angemessen entschädigt wird, muss sie sich für ihre Anliegen stark machen. 2017 sagten sie gegenüber dem «Spitex Magazin», hierzu seien Branchenvertreter wie Spitex Schweiz gefragt. Damit haben Sie sich nun gewissermassen selbst einen Auftrag erteilt. Wie werden Sie als Präsident von Spitex Schweiz dazu beitragen, dass die Spitex in der Politik noch besser vertreten wird?

Ich war lange an der Spitze der GDK tätig, und die Spitex habe ich in jener Zeit auf dieser Ebene weniger wahrgenommen. Andere Branchenverbände wie diejenigen der Hausärzte und Spitäler haben jedoch ständig den Kontakt zu mir gesucht, natürlich auch, weil in diesem Bereich wichtige Geschäfte auf der Traktandenliste standen. Diese Erfahrung hat mich zusätzlich motiviert, mich bei der Spitex zu engagieren und dafür zu sorgen, dass sie mehr politischen Support und mehr politisches Gehör erhält. Die professionelle Arbeit der Spitex wird in der Bevölkerung sehr geschätzt, aber ihre riesige Bedeutung ist in den Kantonsregierungen und im Bundeshaus immer noch zu wenig verankert. Der Verantwortungsbereich der Spitex sowie ihr Beitrag zur Gesundheit der Schweizerinnen und Schweizer sind enorm. Darum darf es nicht sein, dass viele Spitex-Organisationen um ihre Finanzierung kämpfen müssen. All dem versuche ich nun als Präsident von Spitex Schweiz entgegenzuwirken. Dies werde ich durch meine Präsenz in der Öffentlichkeit und der Politik tun, durch meine gute Vernetzung und durch meine Kompetenz. Dabei werde ich pointierte Äusserungen nicht scheuen. Ich will dafür sorgen helfen, dass die Spitex im Gesundheitswesen der Zukunft ein zentraler Akteur ist – und zwar auf Augenhöhe mit Ärzten, Spitälern und Heimen.

Wenn wir schon bei den verschiedenen Leistungserbringern sind: Die meisten Experten gehen davon aus, dass in der Pflege der Zukunft neue Organisationsformen dominieren werden. Die Gesundheitsversorgung könne künftig nur in engen Netzwerken aus verschiedensten Leistungserbringern entlang der gesamten Versorgungskette bewerkstelligt werden. Und die Grenzen zwischen den einzelnen Leistungserbringern verwischten zunehmend. Teilen Sie diese Ansicht?

Das tue ich. Ich bin der Überzeugung, dass vor allem die Alterspflege in der Schweiz vor einem tiefgreifenden Umbruch steht. Die «NZZ» hat es kürzlich sehr pointiert formuliert: «Babyboomer wollen nicht ins Heim.» Diese Generation, die Eigenständigkeit zur Lebensmaxime erhoben hat, wird in naher Zukunft die Phase des Alters erreichen. Damit werden die Übergänge in der Pflege fliessender, die Bedürfnisse vielfältiger, die Angebote durchmischter. In einem quartierähnlichen Zentrum gibt es künftig nicht mehr allein das herkömmliche Pflegeheim, sondern auch Alterswohnraum, betreute Wohnformen oder auch Zimmer mit Pflegeanteil. Dieser Wandel ist eine grosse und wichtige Herausforderung der Zukunft: Die öffentliche Hand sollte in der Planung nicht einstige Bedürfnisse zementieren, sondern zukünftigen Rechnung tragen. Denn flexiblere, modernere Formen und Strukturen laufen den traditionellen zusehends den Rang ab. Für das Individuum bedeutet der Wandel, dass es künftig kaum mehr umziehen muss, wenn sich seine Pflegebedürftigkeit verändert. Stattdessen kann sich das Betreuungsangebot an Ort und Stelle anpassen: Erst wohnt jemand zum Beispiel in seiner normalen Wohnung, dann wandelt sich diese zur Alterswohnung und später zum betreuten Pflegeplatz.

Auf Ihrer Website schreiben Sie, das Schweizer Gesundheitswesen lasse sich mit der Kurzformel «komplex und kostenintensiv» beschreiben. Sprechen wir erst über das «kostenintensiv»: Wie die Gesundheitsversorgung der Zukunft finanziert werden soll, ist ein allpräsentes Streitthema. Im Laufe Ihrer Karriere haben Sie mehrfach darauf hingewiesen, dass das heutige System überarbeitet werden müsse. Im April 2019 sagten Sie gegenüber der «NZZ», dass die Kantonsregierungen die Lösung «Einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen» [EFAS; siehe Infokasten] befürworten würden – aber nur, wenn die Pflege miteinbezogen werde. Können Sie das genauer ausführen?

Blicken wir auf die Ergebnisqualität, haben wir ein insgesamt gutes Gesundheitssystem. Die Gesundheit der Schweizerinnen und Schweizer ist gut, die Lebenserwartung ist eine der höchsten weltweit und die Bevölkerung erteilt der Schweizer Gesundheitsversorgung in regelmässigen Befragungen gute bis sehr gute Noten. Stellen wir die Qualität allerdings in Relation zu den Kosten, wird dieser erfreuliche Eindruck etwas getrübt. Unsere Gesundheit hat ihren Preis. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass auch eine einheitliche Finanzierung dazu beitragen kann, die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen einzudämmen. Die EFAS macht aber nur Sinn, wenn die Pflege mittelfristig miteinbezogen wird. Im Gesundheitssystem geht der Trend wie erwähnt in Richtung integrierte Versorgung. Diese Entwicklung wird behindert, wenn die Finanzierungsverantwortlichkeiten nur für die stationären Spitalleistungen und die ambulanten medizinischen Leistungen vereinheitlicht werden – und nicht auf die pflegerischen Leistungen durch die Spitex und die Heime ausgedehnt werden. Der Verzicht auf den Miteinbezug der Pflege würde zum unnötigen Stolperstein auf dem Weg zur Entwicklung von integrierten Versorgungsmodellen über die ganze Behandlungskette hinweg. Ich teile die Überzeugung der Kantonsregierungen, dass ein Systemwechsel zur EFAS nur unter dem sorgfältig geprüften und geplanten Einbezug der Pflege zu einer Eindämmung der Kostenentwicklung im Gesundheitswesen führt – und nicht bloss zu einer Umverteilung der Kosten von der einen «Zahlstelle» zur anderen.

Sie halten das Gesundheitssystem auch für komplex. Diese Komplexität erklärt sich unter anderem damit, dass jeder Kanton seine eigenen Regelungen hat. Sie haben in der Vergangenheit mehrfach national geltende Regelungen gefordert. Ist der ansonsten bewährte Föderalismus im Gesundheitssystem eine lästige Hürde?

Im Schweizer Gesundheitssystem ist insbesondere das Verhältnis Bund-Kantone unübersichtlich geworden: Es gibt Bundeskompetenzen und kantonale Aufgaben, gemischte Modelle und unterschiedliche Umsetzungen von Gesetzen in den Kantonen. Dies führt zu unklaren Verantwortlichkeiten, kostspieligen Doppelspurigkeiten und unzweckmässigen Lösungen. Ich bin der Überzeugung, dass der Föderalismus damit im Zusammenhang steht, dass wir eines der kompliziertesten Gesundheitssysteme aller OECD-Länder haben. Der Föderalismus gehört zur Schweiz und hat sich in vielerlei Hinsicht bewährt. Er steht für demokratische Mitbestimmung und Bürgernähe. Im Gesundheitssystem gibt es aber Herausforderungen, die nach einer bundesweit einheitlichen Ausführung verlangen. Insbesondere dann, wenn Fachleute untereinander kontrovers diskutieren, darf der Bund nicht einfach die Kantone vorschieben, sondern muss eine klare Position einnehmen. Um die Effizienz des Gesundheitswesens zu steigern, müssen wir einen Rahmen schaffen, der landesweit Standards für die Qualität und die Versorgung festlegt. Wir müssen unser System anpassen. Transparenz ist dabei das zentrale Mittel, um Strukturveränderungen einzuleiten. Man darf nicht meinen, dass ein blosses Versicherungsgesetz wie das Krankenversicherungsgesetz (KVG) alle Probleme löst. Dies tut es nicht. Darum habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder für einen Verfassungsartikel und ein nationales Gesundheitsgesetz plädiert.

Plädiert haben Sie in den vergangenen Jahren auch für die Digitalisierung des Gesundheitswesens. In Bezug auf diese Entwicklung gibt es derzeit vor allem ein grosses Thema: das elektronische Patientendossier [EPD; siehe auch Infokasten]. Spitäler müssen das Dossier bis im April 2020 eingeführt haben, Heime bis April 2022. In letzter Zeit haben Sie in den Medien vielfach erwähnt, dass das EPD eine riesige Chance sei. Wieso diese Begeisterung?

Ich bin daran interessiert, die Qualität und die Wirtschaftlichkeit der medizinischen Behandlung zu stärken sowie die Behandlungs- und Verwaltungsprozesse zu vereinfachen. Und: Die Bevölkerung soll gut informiert sein, damit sie Eigenverantwortung für ihre Gesundheit übernehmen kann. Und aus all diesen Gründen bin ich konsequenterweise auch an der Einführung des EPD interessiert. Mit dem EPD stehen die behandlungsrelevanten Daten einer Person überall, sicher, immer und vollständig zur Verfügung. Dies ermöglicht eine bessere Koordination einzelner Behandlungsschritte, eine effizientere Zusammenarbeit der Gesundheitsfachpersonen, weniger unnötige oder doppelte Untersuchungen und insgesamt mehr Sicherheit bei Entscheidungen und ein geringeres Fehlerrisiko. Vor allem aber bekommen wir zum ersten Mal einen umfassenden Überblick über die eigenen Gesundheitsdaten. Das stärkt unsere Entscheidungskompetenz und Eigenverantwortung. Im Normalfall erleichtert das EPD also die Kommunikation zwischen den Leistungserbringern und dem Patienten. Und im Notfall kann es Leben retten.

Sie haben sich auch schon überrascht gezeigt, wie langsam die Einführung des EPD voranschreitet. Skeptiker des Dossiers gibt es doch aber viele. Einerseits hinterfragen manche Leistungserbringer dessen Kosten-Nutzen-Bilanz. Andererseits hat der Swiss eHealth Barometer der vergangenen Jahre gezeigt, dass rund 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung konstant den Stellen «eher» oder «voll und ganz» vertrauen, die Patientendaten verarbeiten. Der Rest fürchtet jedoch Datenschutz-Verletzungen oder zweifelt daran, dass das nationale Gesundheitswesen bereit für das EPD ist. Was entgegnen Sie solchen Skeptikern?

Ich verstehe die wichtigen Fragen zum EPD und zum Umgang mit dem Dossier. Ich weiss auch: Es gibt nur eine erste Chance, um Vertrauen in die Sicherheit und den Nutzen der digitalen Transformation im Gesundheitswesen zu schaffen und die Akteure zum Mitwirken zu motivieren. Das EPD ist diese erste Chance. Um sie zu nutzen, sind alle Beteiligten gefordert: Es braucht verlässliche Strukturen, eine gute Basisinfrastruktur, einen ernstgenommenen Datenschutz und eine verlässliche Systemsicherheit. Und ganz praktisch: Der Bund muss zum Beispiel schnellstmöglich klarstellen, wie künftig die elektronische Identität (eID) konzipiert und finanziert werden soll und wie ihre Anbieter zertifiziert werden.

Zum EPD verpflichtet sind derzeit nur Spitäler und Heime. Für andere Akteure wie die Spitex herrscht Freiwilligkeit, auch wenn sich Spitex Schweiz in entsprechenden nationalen Gremien einsetzt und sich als wichtiger Player bei der Einführung des EPD sieht. Gegenüber dem Spitex Magazin sagten Sie 2017: «Bestimmt wird die Spitex auch beim EPD zu den Vorreitern gehören.» Werden Sie nun als neuer Präsident von Spitex Schweiz gleich selbst dafür sorgen, dass dies so bleibt?

Das ist richtig. Ich bin der Überzeugung, dass sich die Spitex weiterhin intensiv für das EPD einsetzen soll. Dies gilt auch für die frei praktizierenden Ärzte. Auf Bundesebene versucht man derzeit mit einer Änderung des KVG zu erreichen, dass künftig nur noch Ärzte zugelassen werden und abrechnen dürfen, die sich einer Stammgemeinschaft anschliessen. Dies halte ich für keine schlechte Idee, denn der Nutzen des EPD ist dann am grössten, wenn alle Leistungserbringer sich daran beteiligen. Vergleichen kann man die Situation mit der Erfindung der Telefonie: Sie verbessert die Verbindungen, je mehr Menschen ein Telefon haben. Hätte sich niemand ein Telefon gekauft – dann wäre die Erfindung nutzlos gewesen.

Sie sind auch Präsident des Verwaltungsrates der axsana AG, die eine EPD-Stammgemeinschaft aufbaut und betreiben wird. Viele Spitex-Organisationen arbeiten mit ihr zusammen – aber längst nicht alle. Könnte das Mandat bei axsana zum Interessenkonflikt werden?

Das Leben besteht doch aus potenziellen Interessenkonflikten. In Bezug auf meine aktuellen Mandate bin ich überzeugt, dass ich mit der Situation sehr gut umgehen kann. Sowohl Spitex Schweiz als auch die axsana verfolgen das Ziel, dass das EPD eingeführt wird. Ich kann mich also guten Gewissens dafür einsetzen, dass das EPD zum Fliegen kommt und sich auch die Spitex daran beteiligt. Selbstverständlich bleiben Spitex-Organisationen frei, welcher Stammgemeinschaft sie sich anschliessen wollen.

Richten wir unseren Blick zum Schluss auf die anfangs erwähnten technologischen Möglichkeiten der Zukunft. Roboter und andere technische Assistenten können immer mehr Aufgaben der Pflege übernehmen. Die Spitex zeichne sich durch ihren menschlichen Kontakt aus, schrieben Sie im Jahr 2017 im Vorwort der Jubiläumsbroschüre des Spitex Verbandes Kanton Zürich. Provokativ gefragt: Wird diese Menschlichkeit in der Pflege der Zukunft zur Mangelware, weil sich die Technik künftig um Klientinnen und Klienten kümmert?

Nein. Zwar kann die Technik in Zukunft bestimmt viele Routinehandlungen schneller und effizienter erledigen als ein Mensch – auch in der Pflege. Damit werden technische Assistenten die Pflegefachpersonen künftig entlasten und in ihrer anspruchsvollen Arbeit sinnvoll unterstützen können. Ich bin aber überzeugt, dass die Menschlichkeit in der Pflege absolut notwendig ist und auch in Zukunft von zentraler Bedeutung sein wird. Denn jemandem wirklich zuhören und voller Empathie und Sensibilität auf jede Person eingehen, wie die Spitex dies tut – dies bleibt Menschen vorbehalten.

Interview: Kathrin Morf

Zum Interviewten

Thomas Heiniger ist am 29. Mai 1957 in Zürich geboren. Er hat ein Jurastudium mit Doktortitel absolviert und war bis 2007 Partner in einer Zürcher Anwaltskanzlei. Seit 1980 wohnt er in Adliswil ZH, wo er zwischen 1982 und 2007 erst Mitglied der Schulpflege, dann Stadtrat und schliesslich Stadtpräsident war. Von 1999 bis 2007 sass er für die FDP im Kantonsrat, und zwischen 2007 und Mai 2019 amtete er als Regierungsrat und Vorsteher der Gesundheitsdirektion Kanton Zürich. In den Amtsjahren 2013/14 und 2018/19 war er Regierungspräsident. In seiner Amtszeit setzte er beispielsweise die neue Spitalfinanzierung im Kanton Zürich um. Bis im April 2019 war er auch Präsident der Schweizerischen Konferenz der Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK).

Zum Präsidenten von Spitex Schweiz wurde Thomas Heiniger als Nachfolger von Walter Suter an der Delegiertenversammlung am 23. Mai 2019 gewählt. Aktuell ist der Zürcher zudem unter anderem Präsident des Verwaltungsrates der axsana AG sowie Verwaltungsratsmitglied der «Oase Holding AG – Wohnen im Alter». Präsidieren wird er künftig auch das Schweizerische Rote Kreuz (SRK); dies unter Vorbehalt seiner Wahl an der Rotkreuzversammlung Ende Juni.

Der 62-Jährige ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder, seine Hobbys sind die Fotografie und der Sport, beispielsweise läuft er Marathons. Auf das Engagement bei Spitex Schweiz in Bern freut sich Thomas Heiniger auch aus einem sportlichen Grund: Er ist passionierter Aare-Schwimmer.

Legende: Thomas Heiniger und Marianne Pfister, Geschäftsführerin Spitex Schweiz. Foto: Pia Neuenschwander