Innovationen für Spitex-Klientinnen und -Klienten

NOMAD bekennt sich zu einer vorausschauenden Pflege. Seit 2016 führt die Spitex-Organisation des Kantons Neuenburg in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen DomoSafety, dem Hochschulinstitut La Source in Lausanne und der Universität Bern ein Forschungsprojekt zur Mobilität von Senioren (Swisko) durch. Suzanne Bardet, Studienteilnehmerin und Spitex-Klientin, Isabelle Farine, Projektleiterin für NOMAD und Valérie Santschi, Forscherin am Hochschulinstitut La Source in Lausanne geben Einblick in das Projekt.

Suzanne Bardet wohnt hoch über Neuenburg in einer ­Wohnung mit Seeblick. Die Zimmer sind liebevoll de­koriert und die kleinen weissen Sensoren an den Wänden und ­Türen der Zimmer gehen inmitten unzähliger Bilder und Gemälde fast unter. Diese diskret konzipierten Ge­räte ­erfassen die Bewegungen von Suzanne Bardet und zeichnen sie für das Projekt SWISKO auf. Das Projekt soll zeigen, inwieweit ein neues technisches Hilfsmittel für Senio­rinnen und Senioren, die sich zu Hause pflegen ­lassen, nützlich sein kann. Dieses innovative Hilfsmittel, deren Anwendung SWISKO untersucht, wurde vom Start-Up Unternehmen ­DomoSafety entwickelt und wird von der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) ­finanziert.

Die Neuenburger Spitex NOMAD ist ebenfalls aktiv an diesem Projekt beteiligt, sowohl bei der Rekrutierung als auch bei der Nachbetreuung von Klienten, die an dieser Studie teilnehmen - wie Suzanne Bardet: «Ich konnte schon von vielen Innovationen profitieren, die sich um meine ­Gesundheit kümmern, dafür bin ich dankbar.» Die Forschung werde zweifellos auch anderen helfen und ihnen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. «Mir ist natürlich ­bewusst, dass man wissen wird, wenn ich mitten in der Nacht den Kühlschrank öffne» scherzt die Seniorin.

Wer an dieser Studie teilnehmen will, bekommt zwei Mal pro Woche Besuch von der Spitex in Peseux, in der Nähe von Neuenburg. Ausserdem müssen zahlreiche Sensoren in der Wohnung eingerichtet werden, um die Bewegungen der Klientin in der Wohnung zu erfassen: Sie verstecken sich überall, unter der Matratze, an der Kühlschranktür, beim Telefon. Dazu trägt Suzanne Bardet ständig eine Uhr, die ihren Puls berechnet und wie ein Schrittzähler arbeitet. Zweimal pro Woche trägt sie zudem einen Brustsensor, der ihre Vitalzeichen aufzeichnet.

Das Forschungsprojekt SWISKO konzentriert sich auf Menschen ab 70 Jahren, die allein zu Hause leben und keine Akutversorgung benötigen. Um die Daten der Sensoren nicht zu verfälschen, dürfen Testpersonen keine Haus­tiere halten. Sobald die Rekrutierung der Klienten und Klientinnen abgeschlossen ist, werden die Sensoren in der ­Wohnung installiert. Während der Hausbesuche der NOMAD ­werden die in der Wohnung erfassten Informationen mit dem Verhalten der Klientin verknüpft. Bevor die Aktivitäten inner- und ausserhalb der Wohnung der Klientin ausgewertet werden, führt das Pflege- und Betreuungspersonal der NOMAD mehrere Hausbesuche durch. Darüber freut sich Suzanne Bardet jedes Mal: «Ich muss ihnen stets erzählen, wenn mein Sohn zu Besuch gekommen ist, oder ich zum Coiffeur oder in die Kirche gegangen bin.»

Anhand der gesammelten Informationen wird dann eine Datenbank erstellt, die den Projektverantwortlichen von SWISKO einen Überblick über die Gewohnheiten der ­Projektteilnehmenden gibt. So können Pflegefachpersonen im ambulanten Bereich frühzeitig eingreifen, wenn ein alarmierendes Verhalten vorliegt oder wenn sich der ­Klient oder die Klientin wesentlich verändert.

Veränderungen erkennen
«Im Moment erlaubt das System noch keine Notfalleinsätze. Bei einem Sturz ist eine Notfalluhr noch immer ­unerlässlich. Wir können jedoch innerhalb von drei Tagen eingreifen, wenn wir merken, dass eine Klientin oder ein Klient viel länger als üblich im Bett liegt oder den Kühlschrank bereits mehrere Tage nicht geöffnet hat. Das ­System erkennt Veränderungen in den Gewohnheiten der Klienten», erklärt Isabelle Farine, die bei der NOMAD für die Nachbereitung des SWISKO-Projekts verantwortlich ist. Für sie liegt das Hauptinteresse der Studie in der Prävention und Gesundheitsförderung. Spitex-Pflegefachpersonen können den Klienten ermutigen, mobiler zu sein oder ­Lösungen vorschlagen, wie der Klient wieder mehr Appetit bekommt, bevor das Verhalten zu problematisch wird.

Die Überwachung mittels Sensoren ermöglicht es der Spitex, im Voraus zu handeln, bevor sich eine Klientensituation verschlechtert oder zu komplex wird. «Das System hat jedoch seine Grenzen. Wir hatten einen Fall eines ­Klienten, der sich drei Tage lang nicht bemerkbar machte. Daraufhin eilte eine Pflegefachfrau zu seiner Wohnung, um herauszufinden, was los war. Der ältere Mann hatte ein Puzzle mit zweitausend Teilen erhalten und arbeitete seitdem unermüdlich daran!» Eine Anekdote, die Isabelle ­Farine zum Schmunzeln bringt, aber auch die Realität aufzeigt: «Egal welche Technologien wir uns zunutze machen, die Hausbesuche werden noch lange Zeit unverzichtbar bleiben, wenn wir eine qualitativ hochwertige Versorgung gewährleisten wollen.»

Dies gilt umso mehr, weil sich diese neuen Technologien noch in der Testphase befinden. Wer könnte Forschende und Patienten besser zusammenbringen als die Spitex? Die NOMAD erhält jedes Jahr mehrere Anfragen zur Teilnahme an Forschungsprojekten, welche die Verbesserung der Gesundheit von Senioren in den eigenen vier Wänden betreffen (siehe Interview rechts mit Gabriel Bader, Geschäftsführer NOMAD). Die Spitex-Organisation ist sich der Wichtigkeit der Entwicklung solcher Technologien bewusst, kann jedoch nicht an allen Studien teilnehmen. Für die Pflegefachpersonen wie auch für die Geschäftsführung bedeuten diese Projekte viel Arbeit. Mehr als dreissig ­Mitarbeitende mussten sich für das SWISKO-Projekt schulen lassen, um für das Sammeln der Daten ausreichend ­gerüstet zu sein», erklärt Isabelle Farine.

Für Isabelle Farine ist die Zusammenarbeit mit der ­Spitex ein wertvolles Kapital für Unternehmen oder ­Forscher, die ein neues innovatives Produkt auf den Markt bringen wollen. «Als Dienstleister in der ambulanten Pflege sind wir einer der wenigen Partner, der in Kontakt zu ­potentiellen Freiwilligen stehen, welche die Anforderungskriterien erfüllen. Zudem arbeiten wir mit ihnen regelmässig und professionell zusammen, auch nach der Studie», erklärt sie und fügt hinzu: «Unsere Einschätzung ist für die Wissenschaftler unerlässlich, um in ihrer Forschung auch die Praxis zu berücksichtigen.» Zunächst wollten die Forscher die Herztätigkeit der Klienten während der Dauer der ­Studie untersuchen. Die Klienten hätten 24 Stunden am Tag ein Gerät für das Langzeit-EKG tragen müssen: «Wir konnten ihnen zum Glück erklären, dass sich unter diesen Bedingungen niemand freiwillig für dieses Experiment melden würde», erzählt Isabelle Farine.

Vernetzte Forschung
Um den Erfolg des SWISKO-Projektes sicherzustellen, engagieren sich nebst der NOMAD eine Vielzahl von Akteuren und Fachleuten rund um den Klienten. Während Domo­Safety in Zusammenarbeit mit der Universität Bern und dem Forschungsinstitut Idap für die Technologie und Analyse der gesammelten Daten verantwortlich ist, überprüft das Hochschulinstitut La Source in Lausanne während des Projektes die Zufriedenheit des Klienten, seine Bezugspersonen und der ­Spitex-Fachpersonen. «Diese Zufriedenheit zu kennen ist für die Studie von zentraler Bedeutung, denn sie sagt uns, ob diese neue Technologie kompatibel ist mit dem täglichen Leben der Senioren», erklärt Valérie Santschi, ­Forscherin an der La Source. Nebst all der Technik muss dafür gesorgt werden, dass das Produkt und seine Anwendung wirklich den Bedürfnissen der Klienten entspricht und nicht nur die Interessen des Forschungsteams oder der ­Bezugspersonen der Klienten berücksichtigt.

Nach ihrer Erfahrung ist eine Studie umso erfolgreicher, je effektiver die Nachbereitung geleistet wird. Valérie Santschi arbeitet im Rahmen der SWISKO-Forschung auch als Vertrauensärztin für die kantonale Ethikkommission und stellt sicher, dass das Protokoll strikt eingehalten und der Klient, der an der Studie teilnimmt, geschützt wird. «Jeder Teilnehmer muss den Zweck der Studie vollständig ­verstanden haben und sich bewusst sein, dass diese Studie mit gewissen Einschränkungen verbunden ist. Wir haben allen Beteiligten ausreichend Zeit gelassen um über die Teilnahme an der Studie nachzudenken.»

Ausserdem nimmt die Forscherin und Professorin der La Source einmal im Monat an einem Ausschuss teil, in dem sich die verschiedenen Verantwortlichen der Studie treffen, um über die Fortschritte zu diskutieren: «So erhalten wir regelmässig Feedback der Spitex-Fachpersonen. Ihre Ratschläge zur praktischen Anwendung der verschiedenen Sensoren, ob fix in der Wohnung installiert oder portabel, sind eine grosse Hilfe bei der Beurteilung der Klienten­zufriedenheit.» Valérie Santschi betont die Bedeutung der Spitex-Arbeit für innovative Projekte, da in Zukunft der ­Bedarf an ambulanter Pflege steigen werde: «Deshalb sorgen wir dafür, dass diese aus dem SWISKO-Projekt entwickelte Technologie einen echten Mehrwert für die Klientinnen und Klienten und die Spitex-­Fachpersonen bringt.»

Pierre Gumy

 

Spitex Magazin: Die NOMAD beteiligt sich an der SWISKO-Studie, um eine innovative Technologie zu testen, die mit Hilfe von Sensoren die Gewohnheiten der Senioren zuhause überwachen kann. Warum beteiligt sich die Spitex an diesem Projekt?

Gabriel Bader: Wir erhalten regelmässig Anfragen von ­regionalen und internationalen Organisationen, für die Mitarbeit an solchen Projekten. Für uns sind solche Studie der richtige Weg, um das tägliche Leben älterer und ­pflegebedürftiger Menschen zu Hause zu verbessern. Doch solche Studien stellen uns auch vor Herausforderungen: Zum Beispiel die wissenschaftliche und wirtschaftliche Relevanz der Partner, die Wichtigkeit des Produktes für die Gesundheit und die Vereinbarkeit mit ethischen Richtlinien. Bevor wir uns dem SWISKO-Projekt anschlossen, fanden daher mehrere Gespräche statt, um die Rollen und Verantwortlichkeiten der einzelnen Personen zu klären. Unsere Aufgabe in dieser Studie zeigt auch, wie wichtig die Spitex für einen reibungslosen Ablauf des Projektes ist: Als Dienstleister im ambulanten Bereich stehen wir den ­Studienteilnehmern am nächsten. Darüber hinaus erlaubt uns unsere Arbeit, angemessen auf die Angabe der Sensoren zu reagieren.

Welchen Nutzen hat dieses Engagement für die Spitex?

Ich bin überzeugt, dass die Spitex solche Innovationen ­unterstützen muss, um das tägliche Leben der Klienten zu verbessern. Sich in diese Forschung einbringen heisst für uns, den Forschern die Möglichkeit bieten, ihre ­Produkte zu testen. Und zwar so, dass sie nicht nur die Forschenden und die Familien der Klienten überzeugen, sondern auch die Klientinnen und Klienten selbst. Ist dies nicht der Fall, ist das Produkt zwar innovativ, aber ­nutzlos und findet keinen Käufer. Andererseits verspricht diese Forschung einen Durchbruch in der Versorgungsqualität. Die Möglichkeit, den Klienten aus der Ferne zu überwachen, wird heutzutage immer greifbarer. Das gleiche gilt für Technologien, die es dem Arzt erlauben, vermehrt Aufgaben zu delegieren. Die konstante Überwachung der Klienten könnten bald auch die Möglichkeit bieten, auf gewisse Hausbesuche zu verzichten.

Wenn dank der SWISKO-Studie ein neues Produkt auf den Markt kommt, wird es die NOMAD auch für ihre Klienten einsetzen?

Das ist eine heikle Frage. Soll die NOMAD dieses neue Tool vermarkten, wenn es lanciert wird? Das ist nicht unsere Aufgabe. Wenn es dank dieser Technologie gelingt, die ­Lebensqualität der Patienten zu verbessern, wird sich die Frage nach einer Partnerschaft stellen. Wir dürfen aber nicht zum Vermarkter von neuen Produkten werden oder unnötige Bedürfnisse schaffen. Sicher ist, dass das Interesse des Klienten und seine Gesundheit immer unser zentrales Anliegen sein wird.

 

Zur Person
Gabriel Bader ist seit 2013 Geschäftsführer der Neuenburger Spitex-Organisation NOMAD. Er hat ein Theologiestudium und anschliessend eine Managementausbildung absolviert, dazu hat er sich spezifisch im Bereich Gesundheit weitergebildet.