Einen Blick in die Zukunft wagen

Neue Ballungsräume, mehr Einwohner, mehr Verkehr: Spitex-Organisationen müssen frühzeitig auf Veränderungen in ihrer Region reagieren. Eine Standort- und Gebietsanalyse kann helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dazu braucht es viele Daten, eine kluge Software und einen konstruktiven Workshop zum Ideenaustausch.

Wie können wir unsere Wegzeiten optimieren und die ­Pflegeteams besser auslasten? Wo liegt dafür der beste Standort? Solche vielfach gemeindepolitisch beeinflussten Fragestellungen verlangen nach einer objektiven Entscheidungsgrundlage. «Die Spitex-Organisationen haben ihr Gebiet sehr gut im Griff und spüren, in welche Richtung sie sich weiterentwickeln sollten. Doch meist handelt es sich dabei nur um ein Bauchgefühl. Besser ist, etwas auf dem Papier zu haben», ist Christian Amrhein, Geoinformatikspezialist der Firma Trigonet AG, überzeugt. Zusammen mit Hans-Peter Christen von der Swing Informatik AG, entwickelte er eine Methodik für die Standort- und Gebietsanalyse von Spitex-Organisationen. Seine Arbeit hilft, objektive Entscheidungsgrundlagen zu schaffen, indem er einige Jahre in die Zukunft blickt – und so das zukünftige Klienten­potential identifizieren kann.

Dafür braucht die Firma mit Sitz in der Zentralschweiz Statistiken zu Klientenbesuchen aus vergangenen Jahren und sowie Informationen zu den aktuellen Standorten der Spitex-­Organisation und ihre Gebietsaufteilung. Die Bevölkerungsdaten (Alter und Wohnort) und Angaben zur Bevölkerungsentwicklung liefern das Bundesamt für Statistik BFS sowie Gemeinde und Kanton. Auch Informationen zu grossen Entwicklungsgebieten und neuen Überbauungen sind relevant für die Berechnung des zukünftigen Klientenpotentials in einem Spitex-Gebiet, weil diese mit einem Bevölkerungswachstum einhergehen. Anhand all dieser Daten errechnet Trigonet das Potential an älteren Menschen für das ganze Gemeindegebiet. Menschen, die sehr wahrscheinlich bald Spitex-Dienstleistungen brauchen werden. Diese Informationen werden dann in einem Hektar­raster auf dem Spitex-Gebiet eingetragen.

Wo liegt der ideale Standort?
Um zu wissen, wie dieses zukünftige Klientenpotential versorgt werden kann, müssen auch die Wegzeiten bekannt sein. Dafür braucht die Firma Trigonet Verkehrsinforma­tionen sowie die Erfahrungswerte der Spitex zu Stau, Bahnübergängen und sonstigen Verkehrsverzögerungen im ­Gebiet. Aus diesen Strassendaten und Verkehrsinforma­tionen wird ein Erreichbarkeitsmodell erstellt, das die mittleren Fahrzeiten aufzeigt und damit die idealen Standorte identifiziert, um die Wegzeiten möglichst tief zu halten. Die Informationen aus dem Erreichbarkeitsmodell und die künftigen Klientendaten bilden die Basis für die Standort- und Gebietsanalyse. «Indem wir beides übereinander­legen, können wir einzelne Parameter verändern und damit mit dem Modell spielen», erklärt Christian Amrhein. So ­können zum Beispiel die Wegzeiten bei mehreren Standorten ­berechnet werden. Die Interpretation dieser Daten ist stets Aufgabe der Spitex-Organisationen. Sie kennen das Gebiet und können die Resultate der Analyse einschätzen. Im Rahmen eines Workshops haben Vorstandsmitglieder, die ­Geschäftsführung sowie Team­leiterinnen und Teamleiter der Spitex-Organisation die ­Gelegenheit, die Daten zu ­interpretieren und Ideen auszutauschen.

Sieben Spitex-Organisationen in der Schweiz haben ­bisher ihre Daten eingereicht und einen Workshop durch­geführt. So auch die Mitarbeitenden der Spitex Kriens. Vor einigen Monaten hat Geschäftsführer Hannes Koch der ­Firma Trigonet die erforderlichen Daten geliefert, im ­August fand der Workshop statt. Der Verein steht vor ­einer schwierigen Entscheidung: soll die Spitex Kriens weiterhin auf einen Stützpunkt setzen oder lohnt es sich, einen zweiten Stützpunkt zu unterhalten? (Siehe Interview nächste Seite). Die Zahlen aus der Standorts- und Gebietsanalyse sprechen eine klare Sprache: Auf Basis der Bevölkerungsentwicklung prognostiziert Christian Amrhein für die Spitex Kriens bis ins Jahr 2025 46% mehr Klientenbesuche. Der geplante Standort Lindenpark, der 2019 bezogen wird, liegt am richtigen Ort. Aus­serdem hat sich gezeigt dass ein zweiter Standort Vorteile haben könnte. Die Resultate der Analyse bestätigen die Beobachtungen des Geschäftsleiters der Spitex Kriens: «Das künftige Klientenpotential erfordert eine Überprüfung der Teamaufteilung und der Möglichkeiten eines zweiten Standortes. Die Wegzeiten mit einem zweiten Standort wären tiefer, dies würde die höheren Fixkosten, die mit zwei Standorten anfallen, relativieren. Wir sehen uns bestätigt und sind froh, dass wir unsere Planung nun fortsetzen können», sagt Hannes Koch.

Die Resultate der Standorts- und Gebietsanalyse werden nun vorgängig im Ausschuss besprochen, um dem Vorstand eine solide Entscheidungsrundlage zu bieten. An der Vorstandssitzung im Oktober werden dann die nächsten Schritte geplant.

Nadia Rambaldi

  www.trigonet.ch

Interview
Spitex Magazin: Warum hat die Spitex Kriens eine Standort- und Gebietsanalyse durchführen lassen?

Hannes Koch: Kriens befindet sich in einem enormen Entwicklungsgebiet: In Luzern Nord, Luzern Süd und im Rontal werden eine grosse Anzahl neuer Büros und Wohnungen geschaffen. Allein im Luzerner Südgebiet rechnen wir mit zusätzlichen 1500 Personen. Diese neuen Ballungsräume bringen grosse Veränderungen mit sich. Auch im Zentrum Kriens sind neue Überbauungen geplant, zum Beispiel die Überbauung Lindenpark. Dort wird die Genossenschaft «Wohnen im Alter Kriens» Pflegewohngruppen einrichten und wir werden unseren Stützpunkt ebenfalls dorthin verlegen. Unser bisheriger Stützpunkt an der Horwerstrasse wird aufgelöst. Doch im Süden ist eine weitere Überbauung geplant, die Spitex wird dort «Wohnen mit Dienstleistung» anbieten. Nun stellte sich für uns die Frage, ob wir weiterhin auf einen Stützpunkt setzen sollen, oder ob sich lohnt, im Süden einen zweiten Stützpunkt zu unterhalten um näher bei unseren Klienten zu sein.

Welche Überlegungen spielen mit?
Es geht primär darum, näher an den Menschen zu sein und unsere Wegzeiten zu optimieren. Das Verkehrsaufkommen in Kriens ist gross, unsere Mitarbeitenden stehen oft im Stau. Deshalb stehen bei dieser Standort- und Gebiets­analyse nicht nur die demografische Entwicklung und Überbauungspläne, sondern auch zukünftige Verkehrs­szenarien eine wichtige Rolle. Und auch die Teams müssen analysiert werden. Die Erkenntnisse am Workshop haben gezeigt, dass wir die Gebietsaufteilung prüfen sollten.

Weshalb haben sie sich Hilfe geholt?
Gebietstechnische Veränderungen verlangen immer nach Optimierungen. Diese wichtigen Entscheidungen für die Zukunft sollten nicht aus dem Bauch heraus, sondern müssen fundiert und aufgrund objektiver Argumente gefällt werden. Die Gemeinde Kriens hat uns dabei ­unterstützt und uns mit den nötigen Daten versorgt.

Was kostet so eine Standort-und Gebietsanalyse?
Die Kosten belaufen sich auf etwa 12 000 Franken. Darin enthalten sind Die Datensammlung, die Datenbearbeitung, der Workshop und ein Schlussbericht. Die Arbeitsstunden von mir und meinen Mitarbeitenden, die zur Datensammlung und für den Workshop geleistet wurden, sind in diesen Betrag nicht einberechnet. Die Erkenntnisse, die wir durch die Analyse erhalten haben, werden für die Spitex Kriens in den nächsten 10 bis 15 Jahre wegweisend sein.

Hannes Koch ist Geschäftsführer der Spitex Kriens