Trotz ihrer Beeinträchtigung leistet sie ganze Arbeit

Désirée Leutwiler aus Uster ZH arbeitet bei der Spitex Zürich Limmat, obwohl ihr ein Unterarm fehlt. Die 20-Jährige hat gelernt, wie sie alle Herausforderungen der Pflege und Betreuung trotz ihrer Beeinträchtigung bewältigen kann – und dies tut sie so gut, dass sie nun ihre Lehrabschlussprüfungen zur Fachfrau Gesundheit (FaGe) bestanden hat und eine höhere Ausbildung ins Auge fasst.

«Ich zweifle oft an mir. Aber das motiviert mich jeweils, mir selbst zu beweisen, dass ich mit meinen Zweifeln falsch liege und dass ich alles schaffen kann», sagt die 20-jährige ­Désirée Leutwiler aus Uster ZH, wenn sie von ihrem Leben erzählt. In diesem hat die heutige Mitarbeiterin der Spitex Zürich Limmat mitunter nicht nur selbst an sich gezweifelt – sie musste des Öfteren auch anderen Menschen beweisen, was sie zu bewerkstelligen vermag. Denn Désirée Leut­wiler ist mit einer körperlichen Beeinträchtigung zur Welt gekommen: Ihr linker Arm endet kurz nach dem Ellbogen. Wieso genau sich der Unterarm im Mutterleib nicht entwickelt hatte, vermochten die Ärzte nicht genau zu sagen. Vielleicht habe sich die Nabelschnur um den Arm gewickelt und dessen Wachstum dadurch beeinträchtigt, mutmassten sie.

«Mein Mami hat mir schon in frühester Kindheit erklärt, dass ich zwar anders bin als die anderen, aber mich nicht einschränken lassen soll», sagt die 20-Jährige im Interview mit dem «Spitex Magazin». Verwandte und Ärzte haben dem Mädchen und später der jungen Frau immer wieder zu einer Prothese geraten. Drei künstliche Unterarme samt Hand wurden bereits für sie massgeschneidert; erst 2018 erhielt Désirée Leutwiler die letzte, hochmoderne Prothese. «Ich konnte diese Hilfsmittel aber nie akzeptieren. Sie sind Fremdkörper, die mich stören», sagt sie. «Ausserdem kann ich ohne Prothese viel besser arbeiten. Schliesslich hatte ich seit meiner Geburt Zeit, den Umgang mit meinem halben Arm zu perfektionieren.» Gerettet habe sie dabei, dass ihr linker Ellbogen erhalten geblieben ist: Mit Gelenk und Unterarmstummel kann sie geschickt zugreifen, hantieren und auch präzise Arbeiten ausführen. «Ich bin so, wie ich bin. Und das ist gut so», sagt sie lächelnd.

Für die Ausbildung zurück in die Schweiz
Dieser Überzeugung war Désirée Leutwiler allerdings nicht immer: In ihrer Kindheit bekundete sie Mühe damit, wie sie von ihren Schulkameraden oder auch von Erwachsenen behandelt wurde. «Bei den Kindern durfte ich häufig nicht mitspielen und wurde auch sonst oft ausgeschlossen», erzählt sie. «Kam hinzu, dass die Lehrer mich immer wieder vom Sportunterricht dispensierten, obwohl ich dabei sein wollte», fügt sie an. Zudem störte sie sich daran, dass sie überall von fremden Menschen angestarrt wurde. «Mit der Zeit habe ich gelernt, all die Blicke zu ignorieren. Aber in meiner Kindheit habe ich mich oft gefragt: Wieso ich?»

Trost fand das Mädchen seinerzeit auf einer eiskalten Unterlage: Bis ins Alter von 13 Jahren war Désirée Leutwiler begeisterte Eiskunstläuferin. Dann beschloss ihre Mutter jedoch, in ihre alte Heimat Brasilien zurückzukehren. Fünf Jahre lang lebte das Mutter-Tochter-Gespann in Brasilien, wo die Temperamente feuriger und die Sonnentage häufiger sind als in der Schweiz. Als dann aber die Zeit näherrückte, in welcher Désirée eine Ausbildung in Angriff nehmen musste, waren sich Mutter und Tochter einig, dass die Schweiz hierfür die besseren Perspektiven bot. Nach fünf Jahren in Südamerika kehrte das Duo nach Europa zurück, was Désirée äusserst begrüsste. «Die Schweiz ist mein Land. Ich habe einfach alles an ihr vermisst», erinnert sie sich an die Jahre in der Ferne.

«Think with an open Mind» («Denke mit einem offenen Geist»), steht auf dem T-Shirt, das Désirée Leutwiler während des Interviews trägt. Eine offene und tolerante Person sei sie tatsächlich, versichert die Halb-Brasilianerin. Sie verbringe gerne Zeit mit anderen Menschen und unterstütze sie mit Begeisterung. Diese Leidenschaft zeigte sich auch stets an ihren Berufswünschen. «Ich wusste schon immer, dass ich einen Beruf in der Gesundheitsbranche erlernen, Kontakt zu Menschen haben und ihnen helfen will», erzählt sie. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz bewarb sie sich darum in mehreren Altersheimen sowie in Spitälern für eine Lehrstelle zur Fachfrau Gesundheit (FaGe) – allerdings vergeblich. «Manche Zuständige erklärten mir, sie wüssten nicht mit meiner Behinderung umzugehen. Sie sagten, sie hätten keine Erfahrung in der Ausbildung von Menschen mit Beeinträchtigung und wollten es auch nicht versuchen.» Ärgerlich waren solche Aussagen für die junge Frau insbesondere dann, wenn sie in einem Betrieb einige Schnuppertage verbrachte und dabei alle Aufgaben, die ihr aufgetragen wurden, zur Zufriedenheit aller Anwesenden verrichtete. «Man sagte mir dann aber, dass es vielleicht mit komplizierteren Auf­gaben im dritten Lehrjahr schwierig werden könnte, mit der Medizinaltechnik zum Beispiel. Man gab mir keine Chance, obwohl ich bewiesen hatte, dass ich FaGe sein will und kann.»

Riesige Freude über die Spitex-Lehrstelle
Das Blatt wendete sich, als Désirée auf die Spitex aufmerksam wurde. Mit dieser habe sie sich erst nicht beschäftigt, weil sie das Konzept der Spitex in Brasilien schlichtweg nicht gekannt habe. Als sie sich darüber schlau machte, was eine FaGe bei der Spitex zu tun hatte, gefiel ihr der neu entdeckte Teil der Gesundheitsbranche aber durchaus. «Ich fand es super, dass man seine Klienten über eine lange Zeit umfassend betreuen und eine gute Beziehung zu ihnen aufbauen kann», sagt sie. Folglich bewarb sich die junge Frau bei der Spitex Zürich Limmat, sass kurz darauf beim Vorstellungsgespräch und wurde daraufhin zum Schnuppern von Spitex-Luft im Zentrum Schwamendingen eingeladen. Was sie da «schnupperte», gefiel ihr aus­serordentlich; sie wollte sich nach 30 vergeblichen Bewerbungen aber keine falschen Hoffnungen mehr machen. «Ich dachte, dass mir die Spitex die Lehrstelle nicht gibt. Ich kannte es ja nicht anders», erklärt sie. «Als sie mich dann aber anriefen und mir sagten, man wolle mir eine Chance geben, habe ich mich riesig gefreut.» Die Verantwortlichen versprachen, die junge Frau in ihrer Ausbildung nach Kräften zu unterstützen. «Sie sagten mir, dass sie nicht garantieren können, dass es klappt. Dass sie aber fest an mich glauben», erzählt sie.

In den folgenden Monaten und Jahren bewies Désirée Leutwiler den Spitex-Verantwortlichen, dass sie auf das richtige Pferd – beziehungsweise auf die richtige Auszubildende – gesetzt hatten. «Viele Aufgaben waren eine Herausforderung und ich hatte manchmal Angst, dass ich sie nicht alle bewältigen kann. Aber ich habe für alles einen Weg gefunden», sagt die 20-Jährige lächelnd. Die angehende FaGe lernte zum Beispiel, trotz ihrer Beeinträchtigung die Mo­bilisation von Klientinnen und Klienten durchzuführen. Problemlos kann sie inzwischen einem Klienten aus dem Rollstuhl und ins Bett helfen. Sie lernte auch, wie sie einem Klienten mit ihrem Armstummel und ihrer rechten Hand Blut entnehmen kann. Und wie sie mit einer Hand leckere Gerichte auf dem Herd zubereiten kann, hatte sie bereits in ihrer Kindheit herausgefunden. «Als ich das erste Mal eine Körperpflege erfolgreich allein gemeistert hatte, war das ein wunderbares Gefühl», erinnert sie sich an ihre Anfangszeiten in der ambulanten Pflege. «Damals wusste ich, dass ich bei der Spitex am richtigen Ort bin.»

Riesige Freude über die Spitex-Lehrstelle
Die Klienten reagierten zu Beginn unterschiedlich auf die ungewöhnliche Pflegerin: Manche registrierten den fehlenden Arm zwar, liessen sich aber nichts anmerken. Andere löcherten Désirée Leutwiler regelrecht mit Fragen. Und wieder andere waren zu Beginn darum bemüht, der FaGe nach Kräften behilflich zu sein – oder ihr manche Aufgaben gar ganz abzunehmen. «Ich sagte ihnen jeweils, das sei zwar sehr lieb, aber ich könne das wirklich gut allein schaffen. Und das habe ich ihnen dann auch bewiesen», erzählt Désirée Leutwiler. Die einzige Reaktion, die sie nicht mag, sei Mitleid. «Mitleid ist nicht nötig, denn ich leide ja selbst nicht unter meiner Behinderung», stellt sie klar. Lustig sei schliesslich die letzte mögliche Art und Weise, wie Menschen auf ihre Behinderung ­reagieren. «Klienten oder auch Freunde vergessen oft ganz, dass ich nur einen Unterarm habe. Dann fragen sie mich zum Beispiel, ob ich ihnen beide Hände hinstrecken kann. Wenn sie ihren Fehler bemerken, ist es ihnen peinlich», erzählt sie lachend. «Das muss es aber nicht sein, denn ich freue mich, wenn man vergisst, dass ich eine Behinderung habe.»

Auch nach drei Lehrjahren fühlt sich Désirée Leutwiler bei der Spitex pudelwohl; Schattenseiten ihres Berufs fallen ihr kaum ein. Anfänglich habe sie Mühe damit bekundet, wenn ein Klient starb oder keinerlei Angehörige und Freunde mehr hatte, welche ihn in seinem Zuhause besuchten. «Doch ich habe gelernt, mit solchen traurigen Schicksalen umzugehen», sagt sie. Den seelischen Ballast abwerfen könne sie beispielsweise während Unternehmungen mit ihren Freunden oder während langer Spaziergänge mit dem Hund ihrer Tante. Dann erzählt die 20-Jährige strahlend von den Sonnenseiten ihres Berufs. «Ich mag die Beziehungen zu meinen Klientinnen und Klienten und dass ich so viele unterschiedliche Lebensgeschichten und Kulturen kennenlernen darf», beginnt sie aufzuzählen. «Auch die grosse Dankbarkeit, die mir entgegengebracht wird, ist wunderschön. Und die grosse Abwechslung gefällt mir. Bei der Spitex ist kein Tag wie der andere.» Zudem könne sie auf ein tolles Team und die grosse Unterstützung ihrer Ausbildnerinnen zählen, was sie ungemein schätze. Diese Unterstützung hat sich übrigens ausgezahlt: Anfang Juli, rund zwei Wochen nach dem Interview mit dem «Spitex Magazin», erhielt Désirée Leutwiler die Nachricht, dass sie ihre Lehrabschlussprüfungen bestanden hat.

Die Ausbildnerinnen blicken zurück
Dieser erfolgreiche Lehrabschluss freut die beiden Praxisausbildnerinnen Miriam Bloch und Seadet Ejupi, die im Zentrum Schwamendingen derzeit sieben Auszubildende betreuen. «Ich bin sehr stolz und überglücklich, dass Désirée den verdienten Abschluss zur Fachfrau Gesundheit erfolgreich bestanden hat», sagt FaGe Miriam Bloch. «Es bereitet uns stets grosse Freude, wenn wir sehen, dass Lernende unser Feedback ernstnehmen und es in der Praxis umsetzen. Und wenn sie während ihrer Lehre an ihren Aufgaben wachsen und Erfolg haben», ergänzt FaGe Seadet Ejupi. Natürlich habe man nach der Bewerbung von Désirée Leutwiler intensiv darüber diskutiert, ob die junge Frau ihre Lehrstelle meistern könne, ohne die Sicherheit der Klientinnen und Klienten zu gefährden. «Wenn man Désirée beim Schnuppern zusah, dann wurde einem aber klar, dass sie diese Herausforderung bewältigen wird», erinnert sich Seadet Ejupi. «Als ich zum Beispiel beobachtete, wie geschickt und schnell sie ein Bett frisch bezog, da dachte ich bloss: Hut ab!»

Dass man der jungen Ustemerin die Lehrstelle ermöglichte, habe man nie bereut. «Désirée war nie anders als die anderen Lernenden. Sie hat sich nie durch ihr Handicap einschränken lassen», sagt Seadet Ejupi. «Und wir haben auch nie negatives Feedback von Klienten erhalten oder von den Verantwortlichen der Praktika, welche sie im Verlauf ihrer Ausbildung absolviert hat. Das Handicap war schlichtweg kein Thema.» Auch die Kompetenznachweise sowie die Abschlussprüfungen habe «Desi» auf die exakt gleiche Art und Weise absolviert wie alle anderen Aus­zubildenden auch. «Désirée ist sogar eine sehr gute Mit­arbeiterin, und wir würden es begrüssen, wenn sie nach ihrem Lehrabschluss die Ausbildung zur Pflegefachfrau auf Tertiärstufe angeht», ergänzt Seadet Ejupi.

Sie bleibt bei der Spitex
Désirée Leutwiler besucht derweil die 87-jährige Elsa Kunz, ihre letzte von einem halben Dutzend Klientinnen und Klienten an diesem Arbeitstag. «Sie hat mich während meiner ganzen Ausbildung begleitet», erzählt die 20-Jährige. «Ich traf sie zum ersten Mal beim Schnuppern und ich durfte bei ihr zum ersten Mal allein eine Körperpflege sowie eine Mobilisation durchführen», zählt sie auf. Zudem war Elsa Kunz eine der Klientinnen, welche Désirée Leutwiler während ihrer praktischen Lehrabschlussprüfung unter den kritischen Augen der Experten pflegen und betreuen musste.

In der gemütlichen Wohnung der 87-Jährigen stehen frische Schnittblumen neben Boxen voller Grusskarten, und das Rot der Geranien auf dem Balkon strahlt um die Wette mit demjenigen der Erdbeertorte auf dem Stubentisch. Herzlich begrüsst Désirée Leutwiler die Seniorin, die mit einer Lupe über ein Zahlenrätsel gebeugt sitzt und schmunzelt. «Bei Frau Kunz gibt es immer was zu lachen», sagt die FaGe, und die ältere Dame versichert, das läge auch an der Pflegerin, die immer fröhlich sei. Menschen wie Elsa Kunz liegen Désirée Leutwiler am Herzen, und es freut sie, dass sie nach ihrem Lehrabschluss bei der Spitex Zürich Limmat weiterarbeiten darf und ihre Klientinnen und Klienten nicht zurücklassen muss. «Auch im Team im Zentrum Schwamendingen fühle ich mich äusserst wohl», fügt sie an. Das Zentrum nimmt derzeit an einem Pilotprojekt teil, in dessen Rahmen die Einführung des niederländischen Versorgungsmodells Buurtzorg (siehe Spitex Magazin 3/2018) in der Spitex Zürich Limmat getestet wird. Darum wurden in den letzten Monaten die traditionellen Hierarchien abgeschafft und kleine, selbstorganisierte Teams mit flachen Hierarchien etabliert. «Das System gefällt mir, weil jeder Mitarbeitende stark in alle Entscheidungen und in die Planung einbezogen wird. Jeder darf bei uns auf Augenhöhe mit allen anderen mitbestimmen», sagt sie.

Désirée Leutwiler will die Ausbildung auf Tertiärstufe, zu welcher ihr die Praxisausbildnerinnen geraten haben, bald angehen. «Erst möchte ich aber ein Jahr Berufserfahrung sammeln und Geld verdienen», erklärt sie. Sie glaube daran, dass sie die höhere Ausbildung schaffen kann, ergänzt sie, «aber natürlich habe ich wie immer auch meine Zweifel.» Diese erwähnten zeitweisen Zweifel an der eigenen Person seien unnötig, versichern ihre Praxisausbildnerinnen. «Désirée ist eine sehr gute Fachfrau Gesundheit», schwärmt Seadet Ejupi. Umso mehr freue es das Team, dass die 20-Jährige der Spitex erhalten bleibt. «Désirée zeichnet sich durch viele Stärken und Fähigkeiten aus, zum Beispiel durch viel Einfühlungsvermögen, Geschick, Selbstständigkeit und einen grossen Durchhaltewillen», beginnt Miriam Bloch aufzuzählen. «Sie bewältigt nicht nur alle Herausforderungen mit Bravour, sie ist auch offen, fröhlich und beweist stets Power», fügt Seadet Ejupi an. «Zudem ist sie teamfähig und äusserst motiviert. Désirée ist der beste Beweis dafür, dass die Integration von Menschen mit Beeinträchtigung erfolgreich funktionieren kann.»

Kathrin Morf