Von der griechischen Küste zur Spitex an der Limmat

Am Esstisch steckten die fünf Mitglieder der Familie Papasika jeweils die Köpfe zusammen und sprachen darüber, dass sie in Griechenland nur eines erwartete: Perspektivenlosigkeit. Darum beschloss das Quintett eines Tages einhellig, seine Heimat hinter sich zu lassen und in der Schweiz ein neues Leben zu beginnen – für die älteste Tochter Polyxeni führte dieser Weg zur Spitex.

Die Kindheit von Polyxeni «Poly» Papasika in Griechenland war eine glückliche, liebte sie doch beispielsweise das Meer, die zumeist fröhlichen Einheimischen und all die kunterbunten Feste und Bräuche. Zudem fühlte sich das Mädchen geborgen in jenem grossen Haus, in dem nicht nur sie selbst mit ihren Eltern und den beiden Geschwistern lebte, sondern auch eine Grossmutter und zwei Tanten mit ihren jeweiligen Familien. Als Polyxeni älter wurde, begann sie jedoch zu begreifen, dass sie eine Sache nicht liebte an Griechenland: die fehlenden Perspektiven. Und so packte sie eines Tages ihre Siebensachen, um ihre Heimat zu verlassen – nichtsahnend, dass ihre Auswanderung sie zur Spitex führen sollte. Doch der Reihe nach.

Die Krise tilgt die Perspektiven
Die heute 19-jährige Poly­xeni Papasika wuchs in der griechischen Hafenstadt Volos auf, die in der Mitte zwischen der Hauptstadt Athen und der Landesgrenze im Norden liegt. «In Volos ist alles mit der Ägäis verbunden. Alles, was man erlebt, und alles, an das man sich gerne erinnert», erzählt sie. Griechenland hat rund 11 Millionen Einwohner, umfasst 130 000 Quadratkilometer und gilt als Wiege Europas; jede Ruine strotzt regelrecht vor Geschichtsträchtigkeit. Zudem rührt das Land die Herzen von Touristen und Einheimischen gleichermassen mit seiner Schönheit, mit dem Kontrast zwischen den weiss verputzten Häusern und dem Meer, das in allen Blautönen leuchtet. Vor knapp zehn Jahren brach jedoch eine Finanzkrise über die Hellenen herein: Während die Arbeitslosenzahlen stiegen, sanken die Löhne erheblich,
und 2010 wurde Griechenland gar für insolvent erklärt.

Diese Krise ging auch an der Familie Papasika nicht spurlos vorbei. «Mein Vater arbeitete als Elektriker in einer Fabrik. Sein Lohn reichte für unsere fünfköpfige Familie aber nicht aus», erzählt Polyxeni Papasika. Darum führte er auch noch einen Laden für Heizungstechnik, arbeitete als Verkäufer in einem Farbengeschäft, und als wäre dies noch nicht genug, schlüpfte er abends und an Feiertagen auch noch in eine Kellneruniform. Seine Frau kümmerte sich nicht nur um ihre Kinder, sie half auch im Laden aus und übernahm alle mög­lichen Gelegenheitsjobs, schrubbte beispielsweise Böden blank. «Meine Eltern steckten so viel Zeit und Energie in ihre diversen Jobs, dass sie kaum Zeit für uns hatten. Darunter begann ihre Gesundheit zu leiden», erzählt Polyxeni Papasika und senkt ihren Blick. «Dennoch reichten ihre Einkünfte nur für das Wichtigste aus. Wir konnten nichts zur Seite legen, zum Beispiel für das Studium von uns Kindern. All dies hat meine Eltern krank gemacht.»

Zur Schule ohne ein Wort Deutsch
Mit der Zeit begannen auch die Kinder zu begreifen, dass ihre Heimat sich verändert hatte. «Im Gymnasium wurde mir klar, dass es in Griechenland für viele Jugendliche keine Zukunft gab«, erzählt Polyxeni Papasika. «Egal, wie viele Diplome sie sich erkämpften: Am Ende waren sie doch arbeitslos oder mussten irgendwelche schlechtbezahlten Jobs annehmen.» Darum begannen die Eltern in jener Zeit zu diskutieren, ob sie ihre geliebte Heimat verlassen sollten. Nach einer Weile weihten die Erwachsenen ihre Sprösslinge in ihre Überlegungen mit ein, und so debattierte die ganze Familie jeweils am Esstisch, ob man auswandern sollte – und wenn ja, wohin.

Schliesslich einigte sich das Quintett darauf, dass es in die Schweiz ziehen würde. Diese lag nicht allzu weit von Griechenland entfernt, galt als sicher und schön. Zudem war der Vater zuversichtlich, dass er dort Arbeit als Elek­triker finden würde, hatte er als Kind doch eine Weile in Deutschland gelebt und Deutsch gesprochen. Denn auch seine Eltern waren Auswanderer gewesen, aber nach einer Weile in ihre alte Heimat zurückgekehrt.

Nachdem der Beschluss gefallen war, reiste der Vater im Jahr 2013 in die Schweiz. In Zürich, in der fernen Stadt mit ihrer grossen griechischen Gemeinde, fand er nicht nur neue Freunde, sondern auch eine Arbeitsstelle sowie eine Wohnung – nach langem Suchen, was in der Limmatstadt aber keine Seltenheit darstellt. «Mein Vater verlor zeit­weise fast die Hoffnung, aber wie immer hat er nicht aufgegeben», erzählt seine Tochter und lächelt wieder.

Im August reiste der Rest der Familie in die Schweiz, und zwar ohne Rückflugticket. «Die traurigen Gesichter unserer zurückbleibenden Familienmitglieder werde ich nie vergessen«, erzählt Polyxeni Papasika. In Griechenland hatte sie das zweite Schuljahr im Gymnasium abgeschlossen, in der Schweiz begann sie mit der Sekundarschule. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, drückte sie zwei Tage nach ihrer Ankunft bereits die Schulbank. «Zum Glück konnte ich mich zu Beginn in Englisch mit den Lehrern und Mitschülern verständigen», sagt sie.

Familie im siebten Himmel
Als sie sich mit ihrer Berufswahl auseinanderzusetzen hatte, entschied sich Polyxeni Papasika für die Pflege. «Ich wollte mit Menschen statt Maschinen arbeiten. Aus­serdem ist die Pflege eine sehr zukunfts­trächtige Branche.» Letzteres sei ihr wichtig gewesen, weil sie nie wieder die Perspektivenlosigkeit spüren wollte, mit der sie in Griechenland konfrontiert gewesen war. Fortan schrieb sie Bewerbung um Bewerbung – und freute sich riesig, als sie die Einladung zum Vorstellungsgespräch bei der Spitex Zürich Limmat erhielt. Nach dem Gespräch und einem Schnupperpraktikum sei sie überzeugt gewesen, ihren idealen Beruf gefunden zu haben. Und die Spitex war sich im Gegenzug sicher, die richtige Auszubildende gewählt zu haben.  «Als ich die Zusage bekam, war nicht nur ich im siebten Himmel, sondern auch meine ganze Familie.»

Nun befindet sich die 19-Jährige im 2. Lehrjahr zur FaGe im Zentrum Affoltern, absolviert die Berufsmaturitätsschule und wird von ihren Ausbildungsverantwortlichen in den höchsten Tönen gelobt. «Poly schreibt nicht nur sehr gute Noten», sagt ihre Ausbildnerin Susanne Horzsa. «Sie ist auch ein herzlicher und tiefgründiger Mensch, der seinem Team und un­seren Klienten eine grosse Wertschätzung ent­gegenbringt. Dass sie schon viel erlebt hat, merkt man, denn sie ist sehr reif für ihr Alter.» Bereits während des Vorstellungsgesprächs sei sie positiv überrascht ge­wesen, wie gut die junge Frau schon Deutsch sprach, erinnert sich Susanne Horzsa. «Aber das zeichnet Poly aus: Sie ist sehr lernwillig. Genau wie ihre Eltern würde Poly zudem nie aufgeben.» Sie hat grosses Potenzial. Darum diskutieren wir derzeit mit ihr, ob sie nach der Lehre für uns weiterarbeiten und eine höhere Ausbildung angehen möchte.»

«Allesamt singen, essen und lachen gemeinsam»
Und Polyxeni Papasika findet dieses Angebot durchaus verlockend, wie sie dem Spitex Magazin verrät. «Die Ausbildung an einer Fachhochschule reizt mich», sagt die 19-Jährige, «und bei der Spitex bin ich immer noch so glücklich wie am ersten Tag.» Das Team und die langjährigen Beziehungen zu den Klienten gefallen ihr genauso wie die vielen Weiterbildungsmöglichkeiten sowie die grosse Abwechslung und Selbstständigkeit. «Nur das Velofahren im Winter ist für eine Griechin ganz schön hart», sagt sie und lacht schallend.

Damit beginnt sich die andere Seite zu zeigen, welche die junge Frau ausmacht: Da ist zwar einerseits die ehrgeizige und nachdenkliche Polyxeni Papasika, die ihre Nase gerne in Bücher steckt, sich im Selbststudium das Klavierspiel beibringt und sich andauernd selber hinterfragt. Andererseits ist da aber auch diejenige Polyxeni Papasika, die das Leben in vollen Zügen geniesst, das Kickboxen liebt – und das Feiern. «Das Ausgelassene und Offene ist das typisch Griechische, ebenso wie unser grosses Unterhaltungspotenzial», sagt sie lächelnd. «In Griechenland gibt es immerzu spontane Feste: Dann ist jeder eingeladen und allesamt singen, essen und lachen gemeinsam. Und sind dabei nicht gerade leise.» Etwas mehr Spontanität würde sie sich diesbezüglich auch von den Schweizern wünschen. «Die Schweizer können zwar gut feiern», sagt sie, «aber die meisten Feste sind geschlossene Gesellschaften und werden Monate im Voraus geplant.»

Ja, an manches habe sie sich gewöhnen müssen in der Schweiz: An die Stille in den Zügen und Restaurants zum Beispiel. «Auch sind viele Schweizer erst eher zurückhaltend», sagt sie, «aber lernt man sie kennen, dann öffnen sie sich, sind gastfreundlich, fröhlich und hilfsbereit.» Die Schweizer Kultur und Mentalität immer weiter kennen­zulernen, finde sie spannend – und viele der guten Eigenschaften der Eidgenossen habe sich die Familie Papasika angeeignet: die Pünktlichkeit und das gut Organisierte zum Beispiel. Hierzulande könne der Vater seine Familie zudem mit einer einzigen Arbeitsstelle ernähren, und wenn die Mutter manchmal einen Temporärjob übernimmt, dann vermag die Familie sogar etwas auf die Seite zu legen. Polyxenis 15-jährige Schwester besucht derzeit die Sekundarschule, ihr 16-jähriger Bruder das Gym­nasium. «Wir sind glücklich in der Schweiz», zieht die älteste Tochter Bilanz.

Ein eigener Platz im Herzen
Die regelmässigen Reisen nach Griechenland können Polyxeni Papasikas Heimweh zwar nicht gänzlich aus­merzen, aber zurückziehen will sie derzeit nicht. «Ich schliesse zwar keine Tür für immer», sagt sie, «aber hier habe ich ein tolles Leben und einen wunderbaren Job. Ich liebe meine Heimat für alles, was sie mir in meiner Kindheit gegeben hat. Die Schweiz hat mir danach aber Möglichkeiten eröffnet, die ich in Griechenland nicht hatte. Darum hat sie längst auch einen grossen Platz in meinem Herzen.»

Dann schwingt sich Polyxeni Papasika wieder auf ihr Elektrovelo und rollt zu ihren Klienten, von denen sie so gerne erzählt. «Bei der Spitex sind Klienten nicht bloss Fallnummern», betont sie. «Man kennt ihren Namen, ihre Geschichte, ihr Umfeld. Und sie sind dankbar, dass wir sie daheim pflegen.» Und so schliesst sich gewissermassen ein Kreis: Die junge Frau, die ihre Heimat hinter sich lassen musste, hilft nun dabei, dass gebrechliche und kranke Menschen dort bleiben können, wo sie sich am wohlsten fühlen – zu Hause.

Kathrin Morf