5 Fragen an Eveline Widmer-Schlumpf

In dieser Ausgabe beantwortet die alt Bundesrätin und heutige Pro-Senectute-Präsidentin Eveline Widmer-Schlumpf die «Fünf Fragen» des Spitex Magazins – und spricht über pflegende Angehörige genauso wie über ihre Erfahrungen mit der Spitex.

Spitex Magazin: Ende 2015 wünschten Sie sich in Ihrer Abschiedsrede als Bundesrätin, in der Schweiz möge man einander zuhören, Minderheiten und andere respektieren sowie Kompromisse suchen. Seit 2017 sind Sie Präsidentin von Pro Senectute Schweiz, einer Stiftung, die sich für ältere Menschen einsetzt. Schafft die Schweiz in Bezug auf ihre älteste Generation, was Sie sich in Ihrer Abschiedsrede gewünscht haben?
Eveline Widmer-Schlumpf: Im Grossen und Ganzen findet ein guter, konstruktiver Dialog statt. Was ich dabei aber vermisse, ist die Bereitschaft, langfristige und umfassende Lösungsvorschläge zu entwickeln. Dies zeigt sich aktuell bei der AHV-Diskussion. Wir benötigen Lösungen, die für mindestens zehn oder sogar mehr Jahre eine Entlastung für die AHV, aber auch für die berufliche Vorsorge bringen.

Was in Bezug auf dieses Thema nicht nur mich stark beschäftigt, ist zudem der zukünftige Betreuungsbedarf von hochbetagten Menschen bei sich zu Hause. Wir wissen heute, dass es nur mit der Mithilfe von Angehörigen, insbesondere von jüngeren und fitten Seniorinnen und Senioren, funktionieren kann. Hier müssen wir schauen, dass wir diese Menschen richtig unterstützen. Ein Mix aus Massnahmen wie AHV-Gutschriften, wenn pflegende und/oder betreuende Angehörige noch im Erwerbsleben stehen, ein breites und kostengünstiges Entlastungsangebot mit Tagesstätten und Alltagsassistenzen sowie ein Ausbau von direkten Unterstützungsangeboten wie Coaching und Beratung von Betreuenden ist notwendig.

Sie sind als Politikerin in der Schweiz wohlbekannt. Bestimmt gab oder gibt es aber auch andere Berufe, von denen Sie einst träumten oder heute noch träumen?
Als Jugendliche träumte ich davon, Kinderärztin zu werden. Dies auch inspiriert durch meine Mutter, die diplomierte Kinderkrankenschwester war. Wenn ich auf meine bisherige berufliche und familiäre Laufbahn zurückblicke, kann ich aber auch sagen, dass ich meine Berufswahl und mein Arbeitsmodell keinen Moment bereut habe.

Vor allem in Ihrer Zeit im Bundesrat waren Sie in den Medien allpräsent. Bitte verraten Sie uns doch eine Macke und ein Talent, die in der Öffentlichkeit bisher kaum ein Thema waren.

Es wurde diesbezüglich schon so viel geschrieben und erzählt, Wahres und anderes. Wahr ist nach wie vor, dass ich sehr gern arbeite. Möglicherweise gibt es Leute, die dies als Macke ansehen. Und wahr ist auch, dass meine Familie – heute ganz speziell auch meine Enkelkinder – in meinem Leben der zentrale Angelpunkt ist.

Auch eine Prominente kann ein Fan sein. Welche bekannte Person würden Sie gerne einmal treffen?
Ich habe in meinen Funktionen immer wieder spannende und beeindruckende Persönlichkeiten getroffen, bekannte und weniger bekannte. Das tue ich übrigens immer noch. Begegnungen mit solchen Menschen machen Freude und sind etwas sehr Bereicherndes.

Und weil dies das Spitex Magazin ist: Was sind Ihre Erfahrungen mit der Pflege oder vielleicht gar der Spitex?
Es ist wichtig, dass Menschen, wenn sie gebrechlicher werden, zu Hause wohnen können und dort gut medizinisch versorgt werden. Wir haben selber im Falle meiner Mutter von der Spitex profitiert. Ohne die professionelle und einfühlsame Unterstützung der Spitex wäre es für meinen Vater nicht möglich gewesen, meine Mutter über Monate hinweg zu Hause zu betreuen.

Interview: Kathrin Morf

Zur Person
Eveline Widmer-Schlumpf ist 62 Jahre alt, Dr. iur., Rechtsanwältin und Notarin. Sie war Finanzdirektorin von Graubünden und Präsidentin der Konferenz der kantonalen Finanzdirektorinnen und Finanzdirektoren (FDK). Von 2008 bis 2015 war sie Bundesrätin; 2012 amtete sie als Bundespräsidentin. In einer Publikumswahl wurde sie zur Schweizerin des Jahres 2008 gewählt. Seit April 2017 ist die Bündnerin Präsidentin von Pro Senectute Schweiz. Eveline Widmer-Schlumpf ist verheiratet, hat drei Kinder, sechs Enkelkinder und wohnt in Felsberg GR.