Gardi Hutter: «Was wir als weiblich empfinden, ändert sich – aber langsam»

In dieser Ausgabe beantwortet Clownin Gardi Hutter die «5 Fragen» des Spitex Magazins. Sie überlegt, wieso wenige Frauen ihren Beruf wählen – und erzählt, wen sie gerne treffen würde und wieso sie von jedem Spaziergang etwas mitbringt.

Spitex Magazin: Sie stehen seit rund vier Jahrzehnten auf der Bühne. «Wer Clown werden will, muss seine eigene Figur kreieren, er muss etwas Eigenes finden, und das ist ohne grosse Krisen nicht möglich. Wenn du Frau bist, hast du noch immer grundsätzliche Zweifel, obs überhaupt möglich ist. Du hast nicht die Modelle, die schon bewiesen haben, dass es geht», werden Sie oft zitiert. Wieso gibt es so wenige Clowninnen?
Gardi Hutter: Das ist eine Jahrhundertfrage! Im Kopf kann sich eine Person – oder eine Gesellschaft – plötzlich ändern, dazu genügt eine erhellende Erkenntnis. Im Bauch dauert dies länger, denn Emotionen sind träger. Was wir als «weiblich» empfinden, ändert sich, aber langsam. Dass die Frau sich das Recht nimmt, öffentlich über andere zu lachen, ist eine moderne Erscheinung und erst durch die wirtschaftliche Autonomie der Frau möglich geworden. Ein Zeichen für die aktuelle Veränderung ist, dass Frauen, welche die Komik zu ihrem Beruf machen, immer jünger Erfolg haben. Für die neue Generation ist selbstverständlich geworden, was für uns noch ein zähes Überwinden von Vorurteilen war.

Sie sind als Clownin international wohlbekannt. Bestimmt gab oder gibt es aber auch andere Berufe, von denen Sie träumten oder heute noch träumen?
Das wäre ein Beruf, bei dem man mit den Händen arbeitet. Wenn ich gestresst bin, weil eine kreativ Berufstätige nie Pause hat, dann tut es mir gut, etwas zu schaffen – mit Holz, Stoff, Metall. Mit den Händen tätig zu sein, ist manchmal viel Arbeit und braucht viel Ausdauer, aber es ist absehbar. Im kreativen Bereich ist hingegen nichts voraussehbar. Ich habe in meinem Beruf keine Ahnung, was am Schluss rauskommt. Dieses Risiko stresst, immer kann etwas schiefgehen. Und manchmal sucht man eine Woche nach einer Idee, aber sie will nicht kommen. Das nervt und stört den ruhigen Schlaf.

Sie sind seit Jahrzehnten in den Medien allpräsent. Bitte verraten Sie uns doch eine Macke, die in der Öffentlich­keit bisher kaum Thema war.
Ich kann von fast keinem Spaziergang zurückkommen, ohne dass ich einen Stein oder eine Wurzel nach Hause bringe. Sie faszinieren mich, denn die Natur hat eine Schönheit und Schöpfungskraft, die mich immer wieder umhaut. Ich sehe die längst vergangene Zeit, die sich auch im einfachsten Stein materialisiert hat. Irgendwie relativiert mich das – und es beruhigt mich.

Auch eine Prominente kann ein Fan sein. Welche bekannte Person würden Sie gerne einmal treffen?
Ich würde gerne mit Angela Merkel zu Abend essen, auch wenn ich ihre Partei nicht wählen würde. Denn sie ist eine Überraschung. Sie sieht aus wie eine biedere Hausfrau; sie ist aber absolut professionell und macht einfach einen guten Job. Niemand hat ihr etwas zugetraut. Sie ist an die Macht gekommen, weil alle sie unterschätzt haben. Sie hat Rückgrat wie ganz wenige Politiker. Und sie ist so wohltuend uneitel.

Und weil dies das Spitex Magazin ist: Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Spitex?
Ich habe noch keine persönlichen Erfahrungen, aber die Idee der Spitex ist genial. Die Menschen können in ihrer selbst geschaffenen Umgebung bleiben, sie können sich ihren Stil bewahren und erhalten trotzdem die notwendige Unterstützung. Für meine Generation hoffe ich, dass wir uns als «Alte und Gebrechliche» weniger isoliert organisieren können. Also nicht jeder allein in seinen vier Wänden, sondern mindestens zu viert. Nicht nur, um zu Hause jassen zu können, sondern auch, um einen Austausch und gegenseitige Unterstützung zu haben.

Interview: Kathrin Morf

Zur Person
Gardi Hutter, geboren am 5. März 1953 in Altstätten SG, ist eine Schweizer Clown-Komödiantin. Als Clownin Hanna erzählt sie  – laut ihrer Website «ohne Worte, aber voll Brabbelei» – seit 1981 tragisch-komische Geschichten vom Strampeln nach Glückseligkeit. Hutter hat sich an der Schauspiel Akademie in Zürich (heute: Hochschule der Künste) ausgebildet und im Centro di Ricerca per il Teatro in Mailand ihren Clown-Stil entwickelt. Neun Theaterstücke hat sie produziert, diese 3600-mal in 33 Ländern aufgeführt und 15 Kunstpreise erhalten. Im Jahr 2000 war sie Clownin im Circus Knie. Sie lebt seit über 30 Jahren in Arzo TI. Dieses Jahr stand sie mit Tochter Neda Cainero (29), Sohn Juri Cainero (33) und dessen Frau Beatriz Navarro in «Gaia Gaudi» auf der Bühne, im Januar und März 2019 geht die Schweiz-Tournee weiter. Alles zu Hutters Auftritten und Büchern gibt es unter www.gardihutter.com.