«Die Pflege braucht mehr denn je mutige Vorstösse»

Die 86-jährige Ordensschwester und Pflege-Pionierin Liliane Juchli spricht über die Zeit ihrer Berufswahl, über ihre Sammelleidenschaft – und darüber, wie die Qualität der Pflege erhalten bleiben kann.


 

Spitex Magazin: Frau Juchli, Sie sind den Schweizer Pflegefachpersonen durch ihr Standardwerk «Krankenpflege» (auch «Juchli-Bibel» genannt) wohlbekannt und haben sich stets für eine ganzheitliche Pflege eingesetzt, welche den Menschen ins Zentrum stellt. Wenn Sie die Pflege von heute betrachten: Was muss unternommen werden, damit ihre Qualität auch künftig garantiert werden kann?
Liliane Juchli:
Die Pflege braucht mehr denn je Botschafterinnen und Botschafter und mutige Vorstösse. Wir Pflegenden selbst müssen sichtbar und hörbar machen, was wir wollen und brauchen, damit wir eigenverantwortlich pflegen können. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die es uns ermöglichen, das Gelernte anzuwenden. Insbesondere die Aspekte «Garantie der Pflegequalität» und «Patientensicherheit» müssten mit grösster Priorität im Blick behalten werden. Genauso wichtig ist es, den Fokus auf uns selbst zu richten mit der Frage, welche Voraussetzungen unverzichtbar sind, um mit unseren Kräften gut haushalten zu können. Diesbezüglich ist vor allem auch die Führung gefragt, die oft im Spannungsfeld zwischen der Wirtschaftlichkeit und unserer Berufsethik agieren muss.

Sie sind Pflegefachperson und Ordensschwester. Bestimmt gab oder gibt es aber auch andere Berufe, von denen Sie einst träumten oder heute noch träumen?
Von einem Beruf zu träumen, war in den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts kein Thema: Mädchen gingen in die Fabrik oder wurden Köchin oder Schneiderin. Das Kind, das ich war, wollte aber etwas ganz anderes: Sein Ziel war es, notleidenden Menschen zu helfen – und zwar vielen Menschen, vor allem den Ärmsten auf fernen Kontinenten. «Entwicklungshilfe leisten» würde man heute sagen. Als Sprungbrett zu diesem Ziel entschied ich mich vorerst, den Pflegeberuf zu erlernen. Das Thema Entwicklung aber blieb lebensbestimmend, denn Träume, so würde ich heute sagen, tragen ein riesiges Potenzial in sich und wollen auf ihre Art Erfüllung finden – vielleicht ganz anders als erträumt.

Sie nehmen in den Medien immer wieder Stellung zu Themen des Gesundheitswesens, und auch Biografien sind über Sie erschienen. Bitte verraten Sie uns doch eine Macke und ein Talent, welche in der Öffentlichkeit bisher kaum Thema waren.
Ich lasse eine Kollegin erzählen, mit der ich dank der Seminararbeit im Norden Deutschlands immer wieder ein paar freie Tage verbringen konnte: «Auf unseren Wegen entlang der Ost- oder Nordsee hast Du Gedanken gesammelt für das nächste Seminar. Dann hast Du begonnen, auch Muscheln, Wurzeln und Steine zu sammeln. Du hast angeschwemmtes Treibgut aufgelesen oder auch mal die Reste eines liegengebliebenen Fischernetzes.» Ja, es stimmt; ich war eine Sammlerin. Ich sah mit dem inneren Auge Zusammenhänge zwischen dem Gesammelten und dem Inhalt des anstehenden Kurses und fand immer eine Möglichkeit, die Theorien mit anschaulichen Bildern zu verbinden. Ich mag Symbole.

Dieses Magazin widmet sich dem Gesundheitswesen. Was tun Sie Ihrer Gesundheit Gutes und wie schaden Sie ihr?
Ich habe nicht immer gut für meine eigene Gesundheit gesorgt. Durch eigenes Kranksein habe ich aber schliesslich lernen müssen, auch zu mir selbst Sorge zu tragen. Ich habe dabei erfahren, dass auch ein schmerzhafter Lernprozess immer eine positive Seite hat, denn das Nachdenken über meine eigenen Bedürfnisse hat mich mit dem Thema Selbstpflege konfrontiert, das dadurch einen bewussteren Stellenwert in meinem Pflegeverständnis bekommen hat. Ich gönne mir jedes Jahr eine dreiwöchige Auszeit im Sommer, was mir guttut. Wieder daheim, meine ich aber jeweils, ich müsste alle Anfragen in der Mailbox zeitnah beantworten, was mir eher schadet. So bleibe ich eine Lernende im Finden eines Ausgleichs.

Und weil dies das Spitex Magazin ist: Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Spitex?
Ich habe keine persönlichen Erfahrungen mit der Spitex, aber die Erfahrungen anderer sind immer wieder Thema im Austausch mit Freunden, Bekannten und Verwandten. All diese Menschen sind froh, dass sie dank der Spitex im vertrauten Umfeld bleiben können. Die Entwicklung des Angebotes der Spitex ist ein wachsendes Bedürfnis unserer Zeit – und allen, die sich dafür einsetzen, gelten mein Respekt und mein Dank. Was häufig vermisst wird, ist die Kontinuität der Bezugsperson. Ein von allen Seiten unterstützter Effort könnte der Stärkung des Bezugspersonen-Systems eventuell eine nachhaltige Chance geben. Ich treffe aber auch immer wieder auf Verständnis, dass die Kontinuität der Bezugsperson trotz bester Planung nicht immer möglich ist. Darum braucht es eine sehr differenzierte und präzise Dokumentation der Pflegesituation – und es braucht Zeit, diese Berichte zu lesen. Was in diesen Dokumentationen allerdings selten geschrieben steht, ist das, was vor allem auch ältere Klientinnen und Klienten an zwischenmenschlichem Verhalten schätzen, was sie suchen, was sie weiterbringt. Eine Pflege, die auch solche Aspekte der professionellen Beziehungsarbeit berücksichtigt, leistet einen wesentlichen Beitrag zur Genesung oder zumindest zur Aufrechterhaltung eines gewünschten Gesundheitszustandes.

Interview: Kathrin Morf

Zur Person
Pflege-Pionierin Liliane Juchli ist am 19. Oktober 1933 in Nussbaumen AG geboren worden. 1953 bis 1956 besuchte sie die Schwesternschule Theodosianum in Zürich, 1956 trat sie in den Orden der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz ein. In den folgenden Jahren absolvierte sie zahlreiche Weiterbildungen und arbeitete als Pflegefachfrau sowie als Ausbildnerin für Krankenpflege in Theorie und Praxis. Sie begann auch ihren unermüdlichen Einsatz für die Würde des Menschen und für eine ganzheitliche Sicht der Pflege sowie für deren Professionalisierung. Bekannt wurde ihr Name vor allem durch das erste umfassende Fachbuch des Pflegeberufes im deutschsprachigen Raum, das vom Thieme Verlag 1971 herausgegeben wurde. Heute trägt der «Juchli» oder die «Juchli-Bibel» den Namen «Thiemes Pflege».

1980 machte sich Sr. Liliane Juchli selbstständig in Schulung und Beratung mit Dozenten-Tätigkeit im In- und Ausland, ausserdem widmete sie sich der seelsorgerisch-therapeutischen Begleitung. Die 86-Jährige hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, das goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und zuletzt 2018 das Deutsche Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Heute lebt Sr. Liliane Juchli im Alterszentrum Theodosianum in Zürich. Mehr Informationen zu ihrer Person gibt es zum Beispiel im 1998 erschienenen, von mehreren Autoren verfassten Buch «Liliane Juchli – Ein Zeitdokument der Pflege. Leben und Lebenswerk von Liliane Juchli» sowie in der 2013 erschienenen Biografie «Liliane Juchli – ein Leben für die Pflege».