Eine gesicherte Finanzierung für eine nachhaltige Pflege

Seit Jahrzehnten ist ein Anstieg der Kosten in der Krankenversicherung und im gesamten Gesundheitswesen zu beobachten. Die Entwicklung dieser Kosten und der Krankenkassenprämien stellen eine grosse Herausforderung dar.

Die Kosten der ambulanten Pflege wachsen seit Jahren – im Vergleich zu anderen Bereichen der Gesundheitsversorgung sogar etwas stärker. Betrachtet man den Anteil der Kosten der Spitex-Organisationen an den Kosten der Gesundheitsversorgung oder der obligatorischen Krankenpflegeversicherung, ist der Effekt jedoch zu relativieren:

  • 2015 machten Spitex-Leistungen 1.61% der Kosten des gesamten Gesundheitswesens aus. Zum Vergleich: Krankenhäuser 34,9%, Ärztepraxen und ambulanten Zentren 19.8%, Pflegeheime 12,4%, medizinische Labors 1,3% (Quelle: BFS, Kosten des Gesundheitswesens nach Leistungserbringern, T14.05.01.02).
  • In der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) machen Spitex-Leistungen 2017 2.72% der Ausgaben aus (Quelle: BAG, Monitoring der Krankenversicherungs-Kostenentwicklung, MOKKE).

Insbesondere muss dabei berücksichtigt werden, dass diese Kostenzunahme in der ambulanten Pflege einerseits von nicht beeinflussbaren Faktoren (z.B. demografische Entwicklung und Preisentwicklung von Pflegeprodukten) abhängig ist, andererseits aber auch eine gewollte Entwicklung (gemäss dem Grundsatz «ambulant vor stationär») darstellt.

Hinter den steigenden Kosten stehen also insbesondere eine beabsichtigte Zunahme der Nachfrage und eine Zunahme spezialisierter Leistungen.

Demografische Entwicklung
Die demografische Entwicklung stellt den wichtigsten nicht beeinflussbaren Treiber dar.

Während in den Jahren 1990-2005 das Wachstum der Bevölkerungsgruppe der 65-Jährigen und Älteren bei jährlich unter 20% lag, stieg diese in den Jahren 2006 bis 2015 auf über 30% pro Jahr an. Die Prognosen zeigen eine stetige Erhöhung dieser Wachstumsraten bis ca. ins Jahr 2030 an (durchschnittliches Referenzszenario des Bundesamts für Statistik). Danach fallen die
%-Werte wieder, bewegen sich aber bis 2045 über einem Wachstumswert von 20%. Aufgrund des demografischen Wandels ist auch vermehrt mit wachsender Multi- und Komorbidität zu rechnen.

Ambulant vor stationär
Seit Jahren wird der Grundsatz «ambulant vor stationär» vorangetrieben. Es ist der Wunsch vieler pflegebedürftiger Menschen möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu leben. Ambulante Dienstleistungen unterstützen das Anliegen, so dass diese Personen in ihrem gewohnten Umfeld so lange wie möglich und so abhängig wie nötig bleiben können.

Mit der gezielten Umsetzung des Grundsatzes sollen stationäre Strukturen entlastet und insgesamt Einsparungen erzielt werden. Nachdem der Grundsatz im Bereich der Langzeitpflege bereits länger Einzug gehalten hat, wirken sich spätestens seit der Einführung der neuen Spitalfinanzierung mit der Einführung der DRG-Fallpauschalen auch die kürzeren Aufenthaltsdauern im Spital auf die ambulante Pflege aus. Die Spitex kommt auch bei der Nachbetreuung von ambulanten und stationären Eingriffen zum Einsatz. Es ist davon auszugehen, dass die Aufenthaltsdauern im Spital in den nächsten Jahren weiter abnehmen werden.

Spezialisierung
Die zunehmende Verlagerung in den ambulanten Bereich aber auch die sich verändernden Bedürfnisse der Menschen führen zu weiteren Kostensteigerungen bei der Spitex. Angebote wie Palliative Care, Demenzbetreuung, Kinderspitex, Psychiatriepflege, Notfall-Spitex, 7*24h-Betreuung oder Wundpflege werden verstärkt auch im Spitex-Bereich angeboten. Tag für Tag steht dafür schweizweit hochqualifiziertes und kompetentes Personal im Einsatz, dies ist nicht ohne entsprechende Kosten umzusetzen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügen über vertieftes Fachwissen und langjährige Erfahrung.

Diese Kosten müssen gedeckt werden. Und dies in einem ausreichenden Mass, so dass die Spitex auch in Zukunft gute Rahmen- und Arbeitsbedingungen bieten kann. Dafür setzt sich Spitex Schweiz auf verschiedenen Ebenen ein:

Evaluation Pflegefinanzierung
Seit Frühling 2016 wird die seit 2011 bestehende Neuordnung der Pflegefinanzierung evaluiert. Durch die Projektverantwortlichen wurden umfangreiche Daten erhoben und zahlreiche Akteure befragt. Der Evaluationsbericht ist erschienen.

Spitex Schweiz sieht verschiedene Problemfelder in der aktuellen Praxis der Pflegefinanzierung. Diese wurden im Rahmen des Positionspapiers der IG Pflegefinanzierung bereits 2015 veröffentlicht. Im Wissen darum, dass nicht alle Probleme sofort gelöst werden können, setzt sich Spitex Schweiz im Zusammenhang mit der Evaluation Pflegefinanzierung vorab zu zwei Schwerpunkten ein:

  • Restfinanzierung: Einheitliche Kriterien
    Die Beiträge der Krankenversicherer an die Pflege sind begrenzt, ebenso die Beiträge der Klientinnen und Klienten. Die Kantone, resp. die Gemeinden stellen die Finanzierung der Restkosten sicher. Es fehlen generelle Leitplanken und Definitionen. Die Praxis zeigt, dass sich in den Kantonen verschiedenste Systeme entwickelt haben. Die ambulante Pflege ist vermehrt finanzpolitisch geprägten Entscheiden ausgesetzt, anstelle von bedarfsgerechten Überlegungen.

Aus diesem Grund soll der Gesetzgeber auf nationaler Ebene generelle Leitplanken und Definitionen vorgeben und damit sicherstellen, dass die Bevölkerung unabhängig von ihrem Wohnkanton resp. Wohnort gepflegt wird und die Kosten gedeckt sind.

  • Anpassung der Beiträge der Krankenversicherer an die Kostenentwicklung

Seit ihrer Einführung 2011 sind die Beiträge der Krankenversicherer an eine Pflegestunde nicht erhöht worden. Die Daten zur Festlegung der Beiträge stammen aus dem Jahr 2004. Nach nahezu 15 Jahren sollten diese Beiträge dringend erhöht werden. Dies unter anderem, weil:

    • die Datenbasis nicht mehr aktuell ist (z.B. Wegzeiten, Pflegematerial)
    • sich spezielle Pflegeangebote in dieser Zeit stark entwickelt haben (Palliative Care, Demenzpflege, etc.)
    • die Teuerung über diese Zeit über 3 Prozent beträgt.

Spitex Schweiz verlangt deshalb eine jährliche Anpassung der Beiträge der Krankenversicherer an die Kostenentwicklung.

Darüber hinaus ist auch das Angebot der Akut- und Übergangspflege neu auszurichten. Die bisherige Konzeption ist ungenügend – entsprechend ist das alternative Angebot zum Spitalaufenthalt wenig attraktiv.

Verknüpfung mit weiteren politischen Themen
Spitex Schweiz wird diese Forderungen nach einer genügenden Finanzierung der Pflege auch im Rahmen der Diskussionen um einen indirekten Gegenvorschlag zur Pflegeinitiative einbringen.

Ebenso gilt es, auf Finanzierungsprobleme im Rahmen des Forums Grundversorgung hinzuweisen. Nur mit einer geeigneten Finanzierung wird eine integrierte Grundversorgung umsetzbar sein.